eine kurze Geschichte der Solidaritätsgruppen in Jena und des Eine-Welt-Haus e. V.
Zunächst eine notwendige Einführung: Von jüngeren Vereins- und Vorstandsmitgliedern darum gebeten, beginne ich im Jahr 2022, die Geschichte der Solidaritätsgruppen in Jena, des Eine-Welt-Ladens und des Eine-Welt-Hauses aufzuschreiben, Erinnerungen aufzufrischen und alte Dokumente herauszusuchen.
Im Nachhinein bin ich selbst überrascht darüber, was wir vor, während und nach der Wende alles möglich gemacht haben. Die DDR, die heute von den Siegern und Deutern der Geschichte als graue Einöde und sozialistisches Gefängnis dargestellt wird, bot uns erstaunliche Freiräume – wir mussten nur aktiv werden und loslaufen. Wie heute auch. So konnten wir viel erreichen. Bis wir dann doch noch an Mauern stießen, aber der Weg dorthin war lang. Wie heute auch.
Vieles war also nicht anders: es gehört ein wenig Mut dazu, außerhalb des oder gar gegen den breiten Strom zu schwimmen.
Erinnern, ordnen, beschreiben – das war mir wichtig bei der Erarbeitung dieser Historie - damit diejenigen, die nicht dabei waren und uns nach-gefolgt sind, unsere Motivation, unsere Fehler und unsere Erfolge besser verstehen können. Das alles auch in der Hoffnung, dass nichts umsonst war, dass wir auch heute gemeinsam für eine bessere Welt einstehen.
Was ich hier aufschreibe, sind meine persönlichen, lückenhaften Erinne-rungen und Einschätzungen, sie sind nicht neutral oder gar objektiv, es ist keine historische Dokumentation. Wir haben damals kaum etwas; es gibt nur wenige Fotos. Wir sind offenkundig nicht davon ausgegangen, dass das alles Jahrzehnte später noch jemanden interessiert.
Wenn der geneigte Leser und womöglich Zeitzeuge eigene Erinnerungen oder Dokumente zu dieser Historie beitragen kann, möge er das bitte tun.
Alle nicht namentlich gekennzeichneten Texte stammen von mir.
Dr. Ralf Hedwig 2022-2026
11. 09. 1973
In Chile putscht das Militär, die erste demokratisch gewählte lateinamerikanische Regierung unter Dr. Salvador Allende wird mit Waffengewalt beseitigt.
In Chile putscht das Militär, die erste demokratisch gewählte lateinamerikanische Regierung unter Dr. Salvador Allende wird mit Waffengewalt beseitigt.
Der Staatsstreich wurde von den USA initiiert und finanziert und – wie wir inzwischen wissen – auch von der BRD unterstützt.
Am Tag darauf lärmte während des Unterrichts die Alarmklingel in der Erweiterten Oberschule, die ich damals besuchte. Das bedeutete normalerweise, dass wir uns in einer Notfallübung auf dem Schulhof versammeln sollten, die Lehrer die Vollzähligkeit der Schüler prüften usw.
An diesem Tag war alles anders: Unser FDJ-Sekretär, groß wie ein Baum und breit wie ein Schrank, stand mit tränenfeuchten Augen vor uns und berichtete, dass Salvador Allende tot ist, die sozialistische Regierung und damit die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Mehrheit der Chilenen zerschlagen war. In den folgenden Tagen erreichten uns weitere schlimme Nachrichten: Victor Jara wurde ermordet, Tausende Chilenen sind verhaftet oder auf der Fluc
Quelle: https://konfront.dkht.
Für mich persönlich war dieser Tag der Beginn einer lebenslangen Passion: Als 17jähriger wurde mir zum ersten Mal klar, in welch sicherer und komfortabler Welt ich lebe. Seitdem treibt mich der Wunsch an, etwas von dem Glück und Wohlstand, deren ich teilhaftig geworden war, weiterzugeben; zur Gestaltung gerechterer, nachhaltiger Gesellschaften beizutragen.
Als ich später zum Studium nach Jena kam, lernte ich glücklicherweise viele Lateinamerikaner kennen und entdeckte meine Affinität zu deren Kultur und Sprache. Eine als politisch Verfolgte in die DDR gekommene Chilenin wurde bald darauf unsere Spanischlehrerin.
Und, das noch den mit „Wir haben Platz“-Plakaten herumstehenden oder von Umvolkung labernden Politikern ins Stammbuch geschrieben: Den aus Chile Geflüchteten wurde im Jenaer Stadtteil Lobeda, unkompliziert und ohne viel Aufhebens, ein Wohnblock zur Verfügung gestellt. Es ist nicht bekannt, dass es damals Demonstrationen der bisherigen Anwohner gegen ihre neuen Nachbarn oder Sorge wegen Überfremdung gegeben hätte.
irgendwann Anfang der 1980er Jahre
In der Evangelischen Studentengemeinde Jena, in der wir wöchentlich einen thematischen Abend mit Vorträgen, Diskussionen oder Lesungen organisieren, tritt Hans de Boer auf.
Aus seiner eindrücklichen Schilderung der politischen und sozialen Situation in Asien entwickelt sich der Paketarbeitskreis, eine Keimzelle des Eine-Welt-Hauses Jena.
Der Pastor aus Duisburg hatte in den 1960er und 70er Jahren in Kambodscha und Indien als Krankenpfleger gearbeitet. Er berichtet uns u. a. über die Arbeit von Mutter Teresa in Indien.
Tief beeindruckt von seinen Schilderungen aus erster Hand, können wir an diesem Abend nicht einfach so auseinandergehen und in unseren Alltag zurück-kehren. Nach seinem Vortrag fragen wir Hans, was wir als Bewohner der „Zweiten Welt“ gegen das Elend in der „Dritten Welt“ tun könnten. Da unsere Landeswährung nicht kompatibel ist, fallen Geldspenden aus. Hans gibt uns eine Adresse von Mutter Teresa mit dem Hinweis, dass wir an eins ihrer Heime in Indien Pakete mit Hilfsgütern schicken könnten.
Quelle: Rheinische Post 13. 04. 2017In den kommenden Monaten bildet sich in der ESG der sog. Paketarbeitskreis: Die Mitglieder, etwa 10 bis 20 Studenten, junge Jenenser, auch Leute, die nur mal kurz reinschauen wollten, packen Pakete mit dem, was sie in ihren Familien und unter Freunden einsammeln können: (meist gebrauch-te) Kleidung, Spielzeug, Schulmaterialien.
Keiner von uns war jemals in Indien, außer einem förmlichen Dankschreiben gibt es keinen Kontakt mit den dortigen Empfängern unserer „Spenden“. Wir wissen nicht, ob sie mit dem Inhalt unserer Pakete überhaupt etwas anfangen können.
Wir wollen dieser misslichen und für uns unbefriedigenden Situation entkommen. Inzwischen erfahren wir mehr über die Tätigkeit von Mutter Teresa. Dass sie angesichts des Elends in Kalkutta nicht mehr tut, nicht mehr tun kann, als schwer kranke und sterbende Menschen von den Straßen holen zu lassen und in eins ihrer Heime zu bringen, damit sie dort beim Sterben wenigstens ein Dach über dem Kopf haben, ist unserer Motivation nicht zuträglich.
Zudem gab es bereits damals Kritik an der Arbeit der von Mutter Teresa gegründeten Organisationen: Es gehe dabei mehr um christliche Missionierung und symbolische Akte als darum, gerechtere Verhältnisse zu schaffen und so Armut und Elend zu beseitigen.
Irgendjemand hat inzwischen die Adresse einer Organisation in Tansania besorgt, an die wir erst parallel, dann ausschließlich unsere Pakete schicken. Dieser Kontakt ist intensiver und so erfahren wir zumindest, dass unsere Sendungen ankommen. Daneben gehen Pakete nach Chile, Guyana und Rumänien.
Eine wirkliche Beziehung zu und mit diesen Empfängern unserer Pakete entsteht jedoch nie. Das liegt zum einen an der Sprachbarriere, zum anderen an den uns fehlenden direkten, persönlichen Informationen über die politischen und sozialen Situationen in diesen Ländern.
Eine vertrauensvolle und von einem offenen Austausch geprägte Beziehung entwickelt sich erst, als wir Rafael Castro in Diriamba/Nikaragua kennenlernen.
Anfang der 1980er Jahre
Der Paketarbeitskreis etabliert sich in der Quergasse 12 und wird zu einer stabilen Institution.
Der Paketarbeitskreis etabliert sich in der Quergasse 12 und wird zu einer stabilen Institution.
Zu den Treffen kommen bisweilen 30 Menschen, so dass nicht alle Hand anlegen können. Folgerichtig teilt sich der Kreis: Theologiestudenten packen Pakete in ihrem Wohnheim, die anderen in einem besetzten Haus in der Quergasse 12. Dort wohnen unter anderem Tom Dyffort, Jörn Mothes, Sven-Ole Tiedt und ich. In einem von uns nicht genutzten Raum können die Sach-spenden gelagert und die Pakete gepackt werden.
Da sich diese Aktivität in Jena inzwischen herumgesprochen hat, stehen immer öfter Kisten und Tüten vor unserer Tür, so dass wir weiterhin wöchentlich Pakete packen können.
Vom Paketarbeitskreis gibt es nur wenige Fotos.
1985 An einem weiteren der Gesprächsabende in der ESG erzählt uns Pfarrer Peter Zimmermann, damals Superintendent in Jena, von seiner Reise nach Nicaragua.
Dort besuchte er auch einen sandinistischen Pfarrer, Rafael Castro, in seiner „Segunda Iglesia Bautista“ in Diriamba. Nach Peters Reisebericht kam unter uns die Idee auf, die Pakete ab sofort an diese Gemeinde und den zugehörigen Kindergarten zu schicken.
Dieser Vorschlag fiel bei uns insofern auf fruchtbaren Boden, als viele von uns sich seit Mitte der 1970er Jahre mit der sandinistischen Revolution und anderen lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen beschäftigt hatten. Fern von aller Revolutionsromantik wollten wir vor allem herausfinden, ob uns diese gesell-schaftspolitischen Strömungen einen „Dritten Weg“ abseits der von
Pfingsten 1987: Rafael besucht uns in Jena uns als Irrwege angesehenen kapitalistischen und staatssozialistischen Entwicklungsstraßen aufzeigen könnten.
In den kommenden Jahren schicken wir eine Vielzahl von Paketen nach Diriamba und es entwickelt sich ein für uns sehr erfreulicher und vor allem lehrreicher Austausch mit Rafael. Die Gruppe, unser „Päckchenkreis“ stabilisiert und organisiert sich. Vom Einsammeln der Sachspenden über das Herbeischaffen von leeren Pappkisten bis zu den wöchentlichen Treffen zum Packen der Pakete: alle Aufgaben sind verteilt und die Gruppe ist groß genug, um das alles zu bewältigen.
Die Abläufe sind inzwischen strukturiert; wir erhalten Hilfe von unerwarteter Seite: Die Pakete werden mit Toms Käfer (er war damals der Einzige von uns, der ein Auto hatte) zur Post gefahren, wo wir allzu oft mit den großen und schweren Dingern die anderen Kunden und den Betrieb aufhalten. So schlagen die Mitarbeiterinnen der Poststelle uns vor, in der Mittagspause auf den Hof zu fahren und die Sendungen am Hintereingang abzustellen. Zum Bezahlen und zum Unterschreiben der Zollformulare könnten wir am nächsten Tag erscheinen.
Damit hatten diese Frauen ihren nicht zu vernachlässigenden Anteil an unseren solidarischen Aktivitäten.
Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein: Neben Tüten und Kartons mit gut erhaltener Kleidung, Kinderspielzeug oder Schulmaterialien haben wir manchen Sack mit alter, zerschlissener Kleidung oder dreckverschmierten Arbeitssachen zum Sekundärrohstoffhandel gebracht.
Wir sammeln erste Erfahrung mit der internationalen Solidarität und insofern war der Vortrag von Peter Zimmermann die Initialzündung für das, was wir heute als Verein sind und tun. Dafür möchte ich Peter herzlich danken!
Irgendwann in den frühen 1980er Jahren > In der DDR war es üblich, dass Schulklassen, Arbeitskollektive und auch Seminargruppen einmal im Monat von ihren Mitgliedern einen Solidaritätsbeitrag - ein paar Mark - einsammeln und an das staatliche Solidaritätskomitee abführten.
Für die allermeisten von uns war das eine lästige Pflicht, die ebenso lustlos wie unhinterfragt erfüllt wurde. Auch in meiner Seminargruppe legen alle das Geld schweigend oder leise murrend auf den Tisch.
Eines Tages jedoch wird in diesem Kreis nicht mehr nur gemurrt, sondern in einer längeren Diskussion die Sinnhaftigkeit derartiger Aktionen hinterfragt und eine zielgerichtete Verwendung des Geldes bezweifelt. Daraufhin schlage ich vor, diese Soligroschen nicht dem dafür Verantwortlichen in der Universität und somit der Anonymität zu überlassen, sondern persönlich zum DDR-Solidaritätskomitee zu bringen.
Peter Stobinski Quelle: www.ok-projekt.de Gesagt getan: die wenigen Mark werden eingetütet. Zusammen mit einem Kommilitonen fahre ich nach Berlin, um den Umschlag dort Peter Stobinski, dem Leiter der Organisation,
zu übergeben.
Wir waren nicht sehr überrascht, dass wir von ihm sehr freundlich und offen empfangen werden. Er informiert uns ausführlich und anhand von Fotos und Berichten über die Verwendung der Spenden.
Noch Jahre später bekommt unsere Seminargruppe regelmäßig Informationen über die Projekte des Solidaritätskomitees.
Im Zuge der Wende möchte der bundesdeutsche Finanzminister Theo Waigel (CSU) die Mittel des Komitees wie das übrige Vermögen der DDR dem Haushalt der BRD zuschlagen. Nach wochenlangen Verhandlungen am „entwicklungspolitischen Runden Tisch“ und durch gesellschaftlichen Druck aus ostdeutschen Solidaritätsgruppen wird erreicht, dass ein Teil des Geldes zur Gründung der Stiftung Nord-Süd-Brücken verwendet wird und somit seinem ursprünglichen Zweck – der solidarischen Haltung vieler DDR-Bürger gegenüber Menschen in der „Zweidrittelwelt“ - zur Verfügung steht.
An diesen Verhandlungen war neben anderen auch Christoph Matschie aus Jena beteiligt.
Pfingsten 1987 Auf Einladung seiner bundesdeutschen Partnergemeinde kommt Rafael Castro nach Europa und nutzt die Gelegenheit, uns in Jena zu besuchen.
So haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und uns aus erster Hand über die Arbeit eines sandinistischen Pfarrers zu informieren.
Keiner aus unserem Kreis sprach damals Spanisch – wir waren auf die Übersetzungen durch Hugo Melgar, einen in Jena studierenden guatemaltekischen Geflüchteten, und seine Freundin Galina angewiesen. Aus dem, was Rafael erzählt, hören wir sehr oft das Wort „el camino“ (der Weg) heraus. Ab sofort trägt unser Arbeitskreis diesen Namen, im Jahr 1990 lassen wir uns als Verein dieses Namens beim Amtsgericht registrieren.
Aus heutiger Sicht mag es seltsam anmuten, dass wir schon seit einigen Jahren Sachspenden an einen Partner in Nicaragua geschickt hatten, ohne ihn oder die anderen Akteure persönlich zu kennen, basierend einzig auf Informationen aus dritter Hand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir von Rafael zwar schon viele Briefe und Berichte über seine Arbeit bekommen. Doch das alles ersetzt gewiß nicht das direkte Gespräch, das persönliche Kennenlernen, die eigene Anschauung. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir keine anderen Möglichkeiten zum Austausch gehabt.
So waren diese Tage im Juni 1987 nicht nur wichtig, um sachbezogene Informationen über unser Projekt in Nicaragua zu bekommen. Ebenso beeindruckend war die menschliche Begegnung mit Rafael. Als Pfarrer und politisch aktiver Bürger seines Landes schlug er uns mit seiner Ausstrahlung, seinem Charisma und seinen lebendigen Schilderungen der Situation in Nicaragua in seinen Bann.
In Erinnerung geblieben sind mir seine Erzählungen über das soziale Leben eines Landes, das unter einem unerklärten Krieg litt, über die Bemühungen der FSLN-Regierung, trotz der widrigen Umstände ein gerechteres Land aufzubauen. Er konnte nicht nur für uns gut nachvollziehbar über die Aktivitäten seiner Kirchgemeinde und des angeschlossenen Kindergartens berichten. Nur kurze Bemerkungen machte Rafael über seine aktive Teilnahme an der Verteidigung seines Landes gegen die von den USA finanzierten Contras: Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits zwei Mal freiwillig bei den Milizen gemeldet und war so als Kämpfer – nicht als Seelsorger – im Norden seiner Heimat im Einsatz.
Wie wir es in den darauffolgenden Jahren im Gespräch mit Nicaraguanern oft erlebten, konnte Rafael sehr eindrücklich und überzeugend die Pläne für die Entwicklung seiner Gemeinde und des Kindergartens, und seine Zukunftsvisionen schildern. Das war für uns begeisternd und wirkte – zumindest auf mich – zugleich motivierend. Allerdings schwante es sicherlich schon damals vielen von uns, dass wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten nicht viel zur Verwirklichung dieser Vorhaben und Träume würden beitragen können.
15. 04. 1988 Seit Jahren gibt es in der Jenaer Friedenskirche Kunstauktionen der „Künstler für andere“.
Die Exponate werden von mehr oder weniger bekannten Künstlern gespendet, der Erlös geht an Projekte in der Zweidrittelwelt, wie man damals sagt.
Vorbereitet werden die Auktionen von Günter Treske, einem außergewöhnlichen Organisationstalent, Dr. Joachim Hoffmann und anderen. Rainer Hartmann führt in seiner unnachahmlichen Art durch das Programm und als Auktionator den Hammer.
In diesem Jahr geht der Erlös verabredungsgemäß an el camino. Da unter den Exponaten eine Graphik von Günther Grass ist, die von Gunther Philler (Jenaer Bücherstube) ersteigert wird, ergibt der Tag den sagenhaften Erlös von etwa 10.000,00 Mark.
Mit dem Bargeld in der Tasche fahren Mitglieder unserer Gruppe nach Berlin und kaufen dort drei Tage lang alles ein, was in Diriamba gebraucht werden könnte: Werkzeug, Gummistiefel, Schubkarren, Bücher, Schulmaterial. Aus Jena hatten wir die üblichen Sachspenden (jede Menge getragene Kleidung, gebrauchte Brillen, Kinderspielzeug) mitgebracht.
Bereits vorher hatten wir Kontakt zum damals vielgescholtenen Solidaritätskomitee der DDR, dessen Chef Peter Stobinski uns freundlich und offen empfing. Diese Organisation machte es möglich, die Waren in einen Schiffscontainer (der damals aus Holz war) zu packen und nach Nicaragua zu transportieren – unbürokratisch, unkompliziert und für uns kostenlos.
Der Empfang des Containers mit den Sachspenden wird uns von Rafael Castro in einem langen Brief bestätigt.
Ein Jahr später sahen die drei Besucher aus Jena, dass Rafael Castro und die Mitglieder seiner Gemeinde aus den Brettern des Containers eine Verkleidung für den Altarraum seiner Kirche gebaut hatten.
Noch im Jahr 2012, während eines Besuches von Dr. Albrecht Schröter bei Rafael, fällt mir diese Wiederverwendung der Bretter auf, nunmehr als Halterung für einen Bibelspruch.
Frühsommer 1988 Auf einer Fahrt von Berlin zurück nach Dietzenbach besucht uns Klaus Meyer in Jena, der Vorsitzende des Vereins „monimbó“. Er hat über verschlungene Wege von uns erfahren und möchte uns kennenlernen.
Quelle: www.dietzenbacher-menschen.de/meyer-dr-phil-klaus
Über die nächsten Jahre entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen „monimbó e. V.“ und „el camino“, später dem Welthaus und schöne Freund-schaften zwischen Vereinsmitgliedern. Das kulminiert u. a. in der Präsentation des Dietzenbacher Wandbildes in der Jenaer Goethegalerie im Juni 1996.
Klaus unterstützt uns nach dem Ende der DDR und der „Wiedervereinigung“ entscheidend bei der Registrierung des Eine-Welt-Hauses beim Jenaer Amts-gericht und auch später bei der Gründung der Städtepartnerschaft mit San Marcos. In beiden Fällen haben wir einfach die entsprechenden Dokumente aus Dietzenbach genommen und auf unsere Verhältnisse angepasst.
Herbst 1988/Frühjahr 1989: Mitglieder von el camino versuchen, eine Delegation nach Diriamba zu entsenden, eine Einladung von Rafael Castro liegt uns vor.

Vorbild sind westdeutsche Solidaritätsgruppen, die seit dem Sieg der sandinistischen Revolution in den Norden Nicaraguas reisen, um dort in der Kaffeeernte oder in Projekten zu arbeiten – aber auch als Zeugen des von den USA finanzierten Contra-Krieges zu fungieren. Dahinter steht auch der Gedanke, dass die Anwesenheit von Europäern die Schwelle für terroristische Akte der Contras gegen die nicara-guanische Landbevölkerung erhöht oder gar verhindert.
Obwohl wir alle unsere spärlichen Beziehungen spielen lassen, uns sowohl an das Staatssekretariat wenden und als auch persönlich beim Thüringer Landesbischof Leich vorstellig werden, können wir keine Brigade zusammenstellen. Alle unsere Anträge werden abgelehnt.
Die Reise nach Nicaragua wird später nur drei kirchlich gebundenen Mitgliedern aus unserer Gruppe genehmigt.
Oktober 1988: In Reaktion auf die Zerstörungen, die der Wirbelsturm „Joan“ in Nicaragua verursacht, sammelt die Gruppe „el camino“ Spenden, auch in den Sektionen Medizin und Theologie der Uni Jena und leitet das Geld an das DDR-Solidaritätskomitee weiter.
Bei dieser Aktion gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen Christen und Nichtchristen, informellen Gruppen und staatlichen Organisationen, zwischen Stu-denten der Theologie, der Rechtswissenschaften und Mitgliedern von el camino. Was heute angesichts der üblichen Darstellung der Lebensverhältnisse in der DDR ungewöhnlich erscheint oder gar als Querfront verunglimpft werden könnte, war für uns Alltag: Nicht nur gab es seit vielen Jahren in der Mensa unserer Uni einen langen Tisch, an dem sich beim Essen Theologen, Mediziner, Physiker und Studenten anderer Fachrichtungen trafen und bisweilen heiß diskutierten. Die Debatten konnten bei gutem Wetter im Prinzessinnengarten oder auf dem Gelände des damals schon parkähnlichen Johannisfrie
dhofs enden (friedlich natürlich). In der kleinen, überschaubaren Universitätsstadt kannte man sich und viele von uns nutzten die Möglichkeiten, sich mit Vertretern anderer Fakultäten auszutauschen (oder eben mit ihnen zu streiten).
Bereits wenig später hat diese Nähe zwischen Juristen, Theologen und Medizinern zu einem gemeinsamen Projekt geführt: Unter der Überschrift „ambulancia“ (siehe hier, ab Seite 315) wurde gemeinsam Geld gesammelt, um einen Krankenwagen der Marke Barkas zu kaufen und dem nicaraguanischen Gesundheitswesen zur Verfügung zu stellen.
Zugleich war die Spendensammlung für das vom Wirbelsturm Joana großflächig zerstörte Nicaragua für uns eine erste Erfahrung mit einer organisierten Öffent-lichkeitsarbeit. Wir sammelten das Geld nicht nur im Familien- und Freundeskreis, sondern schrieben - vermutlich zum ersten Mal – Spendenaufrufe, um sie per Post zu verschicken oder persönlich zu verteilen.
Juli 1989: Drei Mitglieder der Gruppe „el camino“ können nach Nicaragua reisen, um dort unseren langjährigen Kooperationspartner Rafael Castro wiederzusehen.
Sie lernen seine Gemeinde und den zugehörigen Kindergarten kennen, sehen seine Arbeit für nicht nur für seine „Schäfchen“, sondern für seine Stadt, sein Land. Der Reise ist eine lange Vorbereitung vorausgegangen. In den 1980 Jahren sah sich Nicaragua der Aggression und terroristischen Angriffen seitens der USA ausgesetzt. Dagegen bildete sich weltweit eine Solidaritätskampagne. Viele dieser Gruppen nahmen an der Kaffeeernte in Nicaragua teil: Kaffee war und ist ein wichtiges Exportgut des Landes; durch den Contra-Krieg fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Diese sollten durch
Brigadisten ersetzt werden. Franziska Rohner (Mitarbeiterin der Diakonie) sowie Jörn Mothes und Christoph Matschie als Studenten der Theologie durften drei kirchliche Dienstreisende nach Nicaragua fliegen. Ihnen traute man offenkundig nicht zu, was man bei uns anderen vermutete oder nicht ausschließen wollte: dass die Zwischenstationen Westberlin und Amsterdam uns auf Abwege führen könnten.
Immerhin hatten wir danach durch die Berichte der Drei ein lebendigeres Bild über Nicaragua und besonders unserer Partner in Diriamba.
Neben einigen Fotos und vielen mündlichen Berichten über diese Reise ist eine Erinnerung von Christoph Matschie über die Teilnahme der Drei an den Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der sandinistischen Revolution erhalten geblieben.
Über die Rolle der heutigen FSLN und die Politik der aktuellen sandinistischen Regierung sind Christoph und ich unterschiedlicher Meinung. Ich dokumentiere diesen Bericht hier als Zeitzeugnis.
irgendwann zu Beginn der 1990er Jahre: Wir lernen guatemaltekische Indiofamilien kennen, die in Diriamba/Nicaragua als politische Flüchtlinge leben.
Der Kontakt wurde uns durch Dr. Michael Funke, einem Gründungsmitglied des Eine-Welt-Hauses, durch seine persönlichen Beziehungen nach Lateinamerika hergestellt.
Die Indios wurden durch die äußerst brutale, von den USA finanzierte Aufstandsbekämpfung aus ihrer Heimat, der Hochebene von Quiché, vertrieben. Einige von ihnen waren Mitglieder der guatemaltekischen Befreiungsfront URNG, die aus Angst oder Vorsicht selbst hier im sicheren Exil nur „die U“ genannt wird.
In Nicaragua wurden sie als Geflüchtete unkompliziert aufgenommen, erhielten von der sandinistischen Regierung Grundstücke und Häuser.
Wir lernen freundliche, offene und unkomplizierte Menschen kennen, die uns durch ihre stille Art bestechen. Sie leben in einem großen Familienverbund. Der Kontakt mit ihnen fällt uns auch aus einem anderen Grund leicht: Untereinander sprechen sie in ihrem indianischen Dialekt, mit uns auf Spanisch – das ist auch für sie eine Fremdsprache. Das macht es vor allem mir, der damals nur über ein rudimentäres Volkshochschulspanisch verfügte, leicht, mich mit ihnen zu verständigen.
Ihren Lebensunterhalt verdienen die Familien vor allem mit Web- und Näharbeiten. Um sie zu unterstützen, schleppen wir später ihre Produkte kofferweise nach Jena, um sie im Eine-Welt-Laden zu verkaufen.
28. 02. 1990: Die Wende ist über uns gekommen und die deutsche Wiedervereinigung steht ins Haus.
Seit kurzem ist es in der DDR möglich, Vereine zu gründen. Wie gewohnt, nutzen wir die uns neu gegebenen Freiräume und melden „el camino“ als eingetragenen Verein an – als Nummer zwei im Vereinsregister hinter dem Alpenverein. Umgehend beantragen wir die Gemeinnützigkeit und eröffnen ein Spendenkonto. Neben den gewohnten Paketsendungen können wir die Gemeinde in Diriamba nunmehr direkt finanziell unterstützen.
August/September 1990: Am Beginn der Geschichte des Eine-Welt-Hauses Jena stand eine illegale Aktion: Die Besetzung eines leerstehenden Geschäftes in der Oberlauengasse.
Neben Mitgliedern von „el camino“ kam Ende des Jahres 1989 und zu Beginn des Jahres 1990 spontan und dementsprechend unorganisiert eine Anzahl von Menschen zusammen, die in Jena Dritte-Welt-Arbeit (wie man damals sagte) machen wollte.
Nachdem die DDR so gut wie beseitigt war und die Wiedervereinigung anstand, wurde uns klar, dass Jena bald eine bundesdeutsche Stadt wie jede andere sein würde. In jeder Kommune der alten Bundesländer, die wir inzwischen besucht hatten, gab es einen Dritte-Welt-Laden, zugehörige Vereine und Städte-partnerschaften. Warum sollte es in Jena anders sein?
Die Initialzündung für alles, was danach kam, war die schnell und überraschend vollzogene Okkupation des ungenutzten Ladens „Saatgut Chrestensen“ – der Eigentümer war nach Erfurt umgezogen.
Jemand aus unserer Gruppe hatte die Schlüssel für die Räume besorgt, die wir in nachmittäglichen und nächtlichen Einsätzen zum Jenaer Eine-Welt-Laden umbauten.
Keiner von uns hatte auch nur den geringsten Schimmer vom Handel. Was uns zusammenhielt und vorantrieb: Wir wollten den Gedanken der Solidarität mit Ländern des Globalen Südens in unsere neue Welt hinüberretten. Der in der alten BRD seit Jahren etablierte Faire Handel hatte gezeigt, dass das Zahlen gerechter Preise für Produkte aus „Entwicklungsländern“ – von Kaffee über Kunsthandwerk bis zu Textilien – zur Beseitigung von Ausbeutung, Abhängigkeit und Ungerechtigkeit beitragen kann. So hing in unserem Schaufenster dieses Schild: „Eure Almosen könnt Ihr behalten – wenn Ihr gerechte Preise zahlt!“.
In der Rückschau erstaunt es mich noch heute, wie locker wir mit allen Schwierigkeiten fertig geworden sind. In Ermangelung einer angestellten Verkaufskraft lösten wir uns in unserer Frei-zeit hinter dem Ladentisch ab. Immerhin hatten wir eine behördliche Verkaufsgenehmigung.
Unser Warenangebot sprach viele Käufer an, wir trafen auf offenbar lang gehegte Bedürfnisse. Deswegen war der Nachschub ein Problem, ohne Internet und angesichts von im Osten noch nicht etablierter Strukturen der Fair-Handels-Organisationen. So mussten wir manche Kunden mit dem altbekannten „hammwa nich“ abspeisen. In den ersten Monaten fuhren Mitglieder unserer Gruppe im geliehenen VW-Bus nach Hessen oder Bayern, um dort Waren einzukaufen – immer mit dem Ziel, zur Ladenöffnung wieder in Jena zu sein.
Was als spontane Ladenbesetzung und als Abenteuer begann, war wenig später ein ernsthaft betriebenes Einzelhandelsunternehmen und bald der umsatz-stärkste Weltladen in den neuen Bundesländern.
18. 09. 1990: Jetzt gibt es kein Zurück mehr!
Das Eine-Welt-Haus, bisher ein informeller, wenn auch verbindlicher Zusammenschluss Gleichgesinnter, wird beim Amtsgericht als eingetragener Verein registriert.
Die dafür notwendigen Formalitäten (Satzung, Geschäftsordnung und Wahl des Vorstandes) sind erledigt, auch wenn das alles für unser Selbstverständnis weniger notwendig ist: wir wissen, was wir wollen, und machen einfach weiter, was wir in den vergangenen Monaten begonnen haben.
November 1990: Unterm Markt 13 – das neue Zuhause für unseren Verein
Dass der besetzte Laden in der Oberlauengasse eine Übergangslösung war, sollte uns klar gewesen sein. Ringsum wurden nach und nach Häuser abgerissen oder saniert, ständig gab es Eigentümerwechsel; wir waren dort nur geduldet.
In den kommenden Monaten wurden die DDR-Handelsorganisationen HO und KONSUM liquidiert, die Geschäftsräume verkauft oder an Alteigentümer rück-übertragen. Das würde bald auch die von uns bisher genutzten Räume betreffen. Zeit für uns, nach einer ständigen Bleibe zu suchen.
Durch den „Buschfunk“ erfuhren wir, dass das Kurzwaren- und Unterwäschegeschäft Unterm Markt an die Stadt zurückgegeben werden würde. Mit der vorher bereits erfolgreich geführten
Argumentation – Jena braucht ein entwicklungspolitisches Zen-trum – bewarben wir uns um diese Räume.
Unser Angebot an die Stadtverwaltung, einen Ort für die Pflege internationaler Bezie-hungen, entwicklungspolitische Bildungs-arbeit und den Fairen Handel im Herzen Jenas zu etablieren, kam gut an. Wir konnten (und können) uns über einen langfristigen Mietvertrag freuen.
Der Umzug war schnell erledigt. Ein be-freundeter Tischler baute aus den vom Vor-mieter übernommenen Möbeln eine Laden-einrichtung und schon konnte es losgehen.
Neben dem Geschäft verfügten wir nunmehr über ein repräsentatives Büro und einen Seminarraum. Dadurch wird es uns möglich, regelmäßig öffentliche Bildungs- und Informationsveranstaltungen zu organisieren.
In den Räumen konnte der Eine-Welt-Laden sein Angebot ausweiten, eine inzwischen fest angestellte Verkäuferin sorgte für regelmäßige Öffnungszeiten.
Nicht überall spricht sich das veränderte Warenangebot herum: noch Monate später fragen Kunden im Weltladen nach Schlüpfern oder Zwirn.
Dezember 1990: Endlich, endlich! sehen wir Nicaragua mit eigenen Augen.
Gemeinsam mit Tom, meinem damals und bis heute besten Freund und Genossen, fliege ich nach Nicaragua. Dort treffen wir unseren lieben Freund Rudyard, der seine Familie besucht und uns angesichts unserer rudimentären Spanischkenntnisse und Unerfahrenheit zur Seite steht. Er kann uns vieles erklären.
Nachdem wir jahrelang aus Büchern, Zeitungsartikeln und gelegentlich auch aus persönlichen Reiseberichten alle Informationen aus unserem Traumland auf-gesogen haben, können wir es nun selbst erkunden.
In diesen Wochen in Diriamba lernen wir Rafael Castro und seine Familie kennen, erleben die Arbeit in seiner Kirche wie auch dem zugehörigen Kindergarten. Eine Fülle von Eindrücken stürmt auf uns ein, die uns noch monatelang beschäftigen werden.
Es war nicht alles so, wie wir es uns in den langen Jahren davor vorgestellt hatten, aber alles war so, wie es sein mußte.
April 1991: Unerwartete Schwierigkeiten tun sich auf
Betrug das Porto für ein 20 kg-Paket nach Nicaragua in der DDR ca. 10,00 Mark und in den ersten Monaten nach der Wiedervereinigung 25,00 DM, wurde der Preis am 1. April 1991 auf 60,00 DM erhöht.
Das war häufig genug mehr als der Wert des Inhaltes eines Paketes. Mit der Blauäugigkeit eines in der DDR Sozialisierten und gewohnt, dass Briefe oder Eingaben manchmal doch etwas bewirken, schreibe ich an den BRD-Postminister. Es muss in diesem schnell wachsenden, reichen Land doch möglich sein, eine Gebührenreduktion für „Hilfssendungen“ zu gewähren, oder?
Der Brief wird nie beantwortet.
Demzufolge mussten wir die Zahl der Pakete nach Diriamba drastisch einschränken.