Zum Hauptinhalt springen

Geschichte

Vereinschronik von Ralf Hedwig


Vorbemerkungen

Von jüngeren Vereins- und Vorstandsmitgliedern darum gebeten, beginne ich im Jahr 2022, die Geschichte der Solidaritätsgruppen in Jena, des Eine-Welt-Ladens und des Eine-Welt-Hauses aufzuschreiben, Erinnerungen aufzufrischen und alte Dokumente herauszusuchen.
Im Nachhinein bin ich selbst überrascht darüber, was wir vor, während und nach der Wende alles möglich gemacht haben. Die DDR, die heute von den Siegern und Deutern der Geschichte als graue Einöde und sozialistisches Gefängnis dargestellt wird, bot uns erstaunliche Freiräume – wir mussten nur aktiv werden und loslaufen. Wie heute auch. So konnten wir viel erreichen. Bis wir dann doch noch an Mauern stießen, aber der Weg dorthin war lang. Wie heute auch.
Vieles war also nicht anders: es gehört ein wenig Mut dazu, außerhalb des oder gar gegen den breiten Strom zu schwimmen.
Erinnern, ordnen, beschreiben – das war mir wichtig bei der Erarbeitung dieser Historie. Damit diejenigen, die nicht dabei waren und uns nachgefolgt sind, unsere Motivation, Fehler und Erfolge verstehen können. Das alles auch in der Hoffnung, dass nichts umsonst war, dass wir bis heute gemeinsam für eine bessere Welt einstehen.
Was ich hier dokumentiere, sind meine persönlichen, lückenhaften Erinnerungen und Einschätzungen, sie sind nicht neutral oder gar objektiv, es ist keine historische Dokumentation. Wenn der geneigte Leser und womöglich Zeitzeuge eigene Erinnerungen oder Dokumente zu dieser Historie beitragen kann, möge er das bitte tun.

Alle nicht namentlich gekennzeichneten Texte stammen von mir.

Dr. Ralf Hedwig (2022-2026)

Vereinschronik


Der Staatsstreich wurde von den USA initiiert und finanziert und – wie wir inzwischen wissen – auch von der BRD unterstützt.
Am Tag darauf lärmte während des Unterrichts die Alarmklingel in der Erweiterten Oberschule, die ich damals besuchte. Das bedeutete normalerweise, dass wir uns in einer Notfallübung auf dem Schulhof versammeln sollten, die Lehrer die Vollzähligkeit der Schüler prüften usw.
An diesem Tag war alles anders: Unser FDJ-Sekretär, groß wie ein Baum und breit wie ein Schrank, stand mit tränenfeuchten Augen vor uns und berichtete, dass Salvador Allende tot ist, die sozialistische Regierung und damit die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Mehrheit der Chilenen zerschlagen war. In den folgenden Tagen erreichten uns weitere schlimme Nachrichten: Victor Jara wurdeermordet, Tausende Chilenen sind verhaftet oder auf der Flucht.
Für mich persönlich war dieser Tag der Beginn einer lebenslangen Passion: Als 17jähriger wurde mir zum ersten Mal klar, in welch sicherer und komfortabler Welt ich lebe. Seitdem treibt mich der Wunsch an, etwas von dem Glück und Wohlstand, deren ich teilhaftig geworden war, weiterzugeben; zur Gestaltung gerechterer, nachhaltiger Gesellschaften beizutragen.
Als ich später zum Studium nach Jena kam, lernte ich glücklicherweise viele Lateinamerikaner kennen und entdeckte meine Affinität zu deren Kultur und Sprache. Eine als politisch Verfolgte in die DDR gekommene Chilenin wurde bald darauf unsere Spanischlehrerin.
Und, das noch den mit „Wir haben Platz“-Plakaten herumstehenden oder von Umvolkung labernden Politikern ins Stammbuch geschrieben: Den aus Chile Geflüchteten wurde im Jenaer Stadtteil Lobeda, unkompliziert und ohne viel Aufhebens, ein Wohnblock zur Verfügung gestellt. Es ist nicht bekannt, dass es damals Demonstrationen der bisherigen Anwohner gegen ihre neuen Nachbarn oder Sorge wegen Überfremdung gegeben hätte.

11.09.1973

In Chile putscht das Militär, die demokratisch gewählte Regierung unter Dr. Salvador Allende wird gewaltsam beseitigt.


Frühe 1980er

In der Evangelischen Studentengemeinde Jena tritt Hans de Boer auf.

Die ESG war damals mehr ein Jugendzentrum als eine religiöse Einrichtung. Die Landeskirche gab uns u. a. die Möglichkeit, wöchentlich Diskussionen, Vorträge und Lesungen zu organisieren. So kam Hans de Boer zu uns.
Aus seiner eindrücklichen Schilderung der politischen und sozialen Situation in Asien entwickelt sich der Paketarbeitskreis, eine Keimzelle des Eine-Welt-Hauses Jena. Der Pastor aus Duisburg hatte in den 1960er und 70er Jahren in Kambodscha und Indien als Krankenpfleger gearbeitet. Er berichtet uns u. a. über die Arbeit von Mutter Teresa in Indien.
Tief beeindruckt von seinen Schilderungen aus erster Hand, können wir an diesem Abend nicht einfach so auseinandergehen und in unseren Alltag zurück-kehren. Nach seinem Vortrag fragen wir Hans, was wir als Bewohner der „Zweiten Welt“ gegen das Elend in der „Dritten Welt“ tun könnten. Da unsere Landeswährung nicht kompatibel ist, fallen Geldspenden aus. Hans gibt uns eine Adresse von Mutter Teresa mit dem Hinweis, dass wir an eins ihrer Heime in Indien Pakete mit Hilfsgütern schicken könnten.

In den kommenden Monaten bildet sich in der ESG der sog. Paketarbeitskreis: Die Mitglieder, etwa 10 bis 20 Studenten, junge Jenenser, auch Leute, die nur mal kurz reinschauen wollten, packen Pakete mit dem, was sie in ihren Familien und unter Freunden einsammeln können: (meist gebrauch-te) Kleidung, Spielzeug, Schulmaterialien.
Keiner von uns war jemals in Indien, außer einem förmlichen Dankschreiben gibt es keinen Kontakt mit den dortigen Empfängern unserer „Spenden“. Wir wissen nicht, ob sie mit dem Inhalt unserer Pakete überhaupt etwas anfangen können.
Wir wollen dieser misslichen und für uns unbefriedigenden Situation entkommen. Inzwischen erfahren wir mehr über die Tätigkeit von Mutter Teresa. Dass sie angesichts des Elends in Kalkutta nicht mehr tut, nicht mehr tun kann, als schwer kranke und sterbende Menschen von den Straßen holen zu lassen und in eins ihrer Heime zu bringen, damit sie dort beim Sterben wenigstens ein Dach über dem Kopf haben, ist unserer Motivation nicht zuträglich. Zudem gab es bereits damals Kritik an der Arbeit der von Mutter Teresa gegründeten Organisationen: Es gehe dabei mehr um christliche Missionierung und symbolische Akte als darum, gerechtere Verhältnisse zu schaffen und so Armut und Elend zu beseitigen.

Irgendjemand hat inzwischen die Adresse einer Organisation in Tansania besorgt, an die wir erst parallel, dann ausschließlich unsere Pakete schicken. Dieser Kontakt ist intensiver und so erfahren wir zumindest, dass unsere Sendungen ankommen. Daneben gehen Pakete nach Chile, Guyana und Rumänien.
Eine wirkliche Beziehung zu und mit diesen Empfängern unserer Pakete entsteht jedoch nie. Das liegt zum einen an der Sprachbarriere, zum anderen an den uns fehlenden direkten, persönlichen Informationen über die politischen und sozialen Situationen in diesen Ländern.
Eine vertrauensvolle und von einem offenen Austausch geprägte Beziehung entwickelt sich erst, als wir Rafael Castro in Diriamba/Nikaragua kennenlernen.


Frühe 1980er

Der Paketarbeitskreis etabliert sich in der Quergasse 12 und wird zu einer stabilen Institution.

Zu den Treffen kommen bisweilen 30 Menschen, so dass nicht alle Hand anlegen können. Folgerichtig teilt sich der Kreis: Theologiestudenten packen Pakete in ihrem Wohnheim, die anderen in einem besetzten Haus in der Quergasse 12. Dort wohnen unter anderem Tom Dyffort, Jörn Mothes, Sven-Ole Tiedt und ich. In einem von uns nicht genutzten Raum können die Sachspenden gelagert und die Pakete gepackt werden.
Da sich diese Aktivität in Jena inzwischen herumgesprochen hat, stehen immer öfter Kisten und Tüten vor unserer Tür, so dass wir weiterhin wöchentlich Pakete packen können.

       Vom Paketsarbeitskreis gibt es nur wenige Bilder:


In der DDR war es üblich, dass Schulklassen, Arbeitskollektive und auch Seminargruppen einmal im Monat von ihren Mitgliedern einen Solidaritätsbeitrag - ein paar Mark - einsammeln und an das staatliche Solidaritätskomitee abführten. Für die allermeisten von uns war das eine lästige Pflicht, die ebenso lustlos wie unhinterfragt erfüllt wurde. Auch in meiner Seminargruppe legen alle das Geld schweigend oder leise murrend auf den Tisch.
Eines Tages jedoch wird in diesem Kreis nicht mehr nur gemurrt, sondern in einer längeren Diskussion die Sinnhaftigkeit derartiger Aktionen hinterfragt und eine zielgerichtete Verwendung des Geldes bezweifelt. Daraufhin schlage ich vor, diese Soligroschen nicht dem dafür Verantwortlichen in der Universität und somit der Anonymität zu überlassen, sondern persönlich zum DDR-Solidaritätskomitee zu bringen. Gesagt getan: die wenigen Mark werden eingetütet. Zusammen mit einem Kommilitonen fahre ich nach Berlin, um den Umschlag dort Peter Stobinski, dem Leiter der Organisation, zu übergeben.
Wir waren nicht sehr überrascht, dass wir von ihm sehr freundlich und offen empfangen werden. Er informiert uns ausführlich und anhand von Fotos und Berichten über die Verwendung der Spenden.
Noch Jahre später bekommt unsere Seminargruppe regelmäßig Informationen über die Projekte des Solidaritätskomitees.

Im Zuge der Wende möchte der bundesdeutsche Finanzminister Theo Waigel (CSU) die Mittel des Komitees wie das übrige Vermögen der DDR dem Haushalt der BRD zuschlagen. Nach wochenlangen Verhandlungen am „entwicklungspolitischen Runden Tisch“ und durch gesellschaftlichen Druck aus ostdeutschen Solidaritätsgruppen wird erreicht, dass ein Teil des Geldes zur Gründung der Stiftung Nord-Süd-Brücken verwendet wird und somit seinem ursprünglichen Zweck – der solidarischen Haltung vieler DDR-Bürger gegenüber Menschen in der „Zweidrittelwelt“ - zur Verfügung steht.
An diesen Verhandlungen war neben anderen auch Christoph Matschie aus Jena beteiligt.

Bild rechts: Peter Stobinski, Quelle: www.ok-projekt.de

Frühe 1980er

Irgendwann in den frühen 1980er Jahren: Unser erster Kontakt mit dem Solidaritätskomitee


Dort besuchte er auch einen sandinistischen Pfarrer, Rafael Castro, in seiner Segunda Iglesia Bautista in Diriamba. Nach Peters Reisebericht kam unter uns die Idee auf, die Pakete ab sofort an diese Gemeinde und den zugehörigen Kindergarten zu schicken.
Dieser Vorschlag fiel bei uns insofern auf fruchtbaren Boden, als viele von uns sich seit Mitte der 1970er Jahre mit der sandinistischen Revolution und anderen lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen beschäftigt hatten. Fern von aller Revolutionsromantik wollten wir vor allem herausfinden, ob uns diese gesellschaftspolitischen Strömungen einen „Dritten Weg“ abseits der von Pfingsten 1987: Rafael besucht uns in Jena uns als Irrwege angesehenen kapitalistischen und staatssozialistischen Entwicklungsstraßen aufzeigen könnten.
In den kommenden Jahren schicken wir eine Vielzahl von Paketen nach Diriamba und es entwickelt sich ein für uns sehr erfreulicher und vor allem lehrreicher Austausch mit Rafael. Die Gruppe, unser „Päckchenkreis“ stabilisiert und organisiert sich. Vom Einsammeln der Sachspenden über das Herbeischaffen von leeren Pappkisten bis zu den wöchentlichen Treffen zum Packen der Pakete: alle Aufgaben sind verteilt und die Gruppe ist groß genug, um das alles zu bewältigen.

Die Abläufe sind inzwischen strukturiert; wir erhalten Hilfe von unerwarteter Seite: Die Pakete werden mit Toms Käfer (er war damals der Einzige von uns, der ein Auto hatte) zur Post gefahren, wo wir allzu oft mit den großen und schweren Dingern die anderen Kunden und den Betrieb aufhalten. So schlagen die Mitarbeiterinnen der Poststelle uns vor, in der Mittagspause auf den Hof zu fahren und die Sendungen am Hintereingang abzustellen. Zum Bezahlen und zum Unterschreiben der Zollformulare könnten wir am nächsten Tag erscheinen.
Damit hatten diese Frauen ihren nicht zu vernachlässigenden Anteil an unseren solidarischen Aktivitäten.

Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein: Neben Tüten und Kartons mit gut erhaltener Kleidung, Kinderspielzeug oder Schulmaterialien haben wir manchen Sack mit alter, zerschlissener Kleidung oder dreckverschmierten Arbeitssachen zum Sekundärrohstoffhandel gebracht.

Wir sammeln erste Erfahrung mit der internationalen Solidarität und insofern war der Vortrag von Peter Zimmermann die Initialzündung für das, was wir heute als Verein sind und tun. Dafür möchte ich Peter herzlich danken!

Bild rechts: Rafael Castro zu Besuch in Jena, Pfingsten 1987

1985

An einem der Gesprächsabende in der ESG erzählt uns Pfarrer Peter Zimmermann, damals Superintendent in Jena, von seiner Reise nach Nicaragua.


Pfingsten 1987

Auf Einladung seiner bundesdeutschen Partnergemeinde kommt Rafael Castro nach Europa und nutzt die Gelegenheit, uns in Jena zu besuchen.

So haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und uns aus erster Hand über die Arbeit eines sandinistischen Pfarrers zu informieren.
Keiner aus unserem Kreis sprach damals Spanisch – wir waren auf die Übersetzungen durch Hugo Melgar, einen in Jena studierenden guatemaltekischen Geflüchteten, und seine Freundin Galina angewiesen. Aus dem, was Rafael erzählt, hören wir sehr oft das Wort „el camino“ (der Weg) heraus. Ab sofort trägt unser Arbeitskreis diesen Namen, im Jahr 1990 lassen wir uns als Verein dieses Namens beim Amtsgericht registrieren.

Aus heutiger Sicht mag es seltsam anmuten, dass wir schon seit einigen Jahren Sachspenden an einen Partner in Nicaragua geschickt hatten, ohne ihn oder die anderen Akteure persönlich zu kennen, basierend einzig auf Informationen aus dritter Hand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir von Rafael zwar schon viele Briefe und Berichte über seine Arbeit bekommen. Doch das alles ersetzt gewiß nicht das direkte Gespräch, das persönliche Kennenlernen, die eigene Anschauung. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir keine anderen Möglichkeiten zum Austausch gehabt.
So waren diese Tage im Juni 1987 nicht nur wichtig, um sachbezogene Informationen über unser Projekt in Nicaragua zu bekommen. Ebenso beeindruckend war die menschliche Begegnung mit Rafael. Als Pfarrer und politisch aktiver Bürger seines Landes schlug er uns mit seiner Ausstrahlung, seinem Charisma und seinen lebendigen Schilderungen der Situation in Nicaragua in seinen Bann.

In Erinnerung geblieben sind mir seine Erzählungen über das soziale Leben eines Landes, das unter einem unerklärten Krieg litt, über die Bemühungen der FSLN-Regierung, trotz der widrigen Umstände ein gerechteres Land aufzubauen. Er konnte nicht nur für uns gut nachvollziehbar über die Aktivitäten seiner Kirchgemeinde und des angeschlossenen Kindergartens berichten. Nur kurze Bemerkungen machte Rafael über seine aktive Teilnahme an der Verteidigung seines Landes gegen die von den USA finanzierten Contras: Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits zwei Mal freiwillig bei den Milizen gemeldet und war so als Kämpfer – nicht als Seelsorger – im Norden seiner Heimat im Einsatz.

Wie wir es in den darauffolgenden Jahren im Gespräch mit Nicaraguanern oft erlebten, konnte Rafael sehr eindrücklich und überzeugend die Pläne für die Entwicklung seiner Gemeinde und des Kindergartens, und seine Zukunftsvisionen schildern. Das war für uns begeisternd und wirkte – zumindest auf mich – zugleich motivierend. Allerdings schwante es sicherlich schon damals vielen von uns, dass wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten nicht viel zur Verwirklichung dieser Vorhaben und Träume würden beitragen können.

Rafael Castro in seinem Haus in Diriamba, Februar 2026

15.04.1988

Seit Jahren gibt es in der Jenaer Friedenskirche Kunstauktionen der „Künstler für andere“.

Die Exponate werden von mehr oder weniger bekannten Künstlern gespendet, der Erlös geht an Projekte in der Zweidrittelwelt, wie man damals sagt.

Vorbereitet werden die Auktionen von Günter Treske, einem außergewöhnlichen Organisationstalent, Dr. Joachim Hoffmann und anderen. Rainer Hartmann führt in seiner unnachahmlichen Art durch das Programm und als Auktionator den Hammer.
In diesem Jahr geht der Erlös verabredungsgemäß an el camino. Da unter den Exponaten eine Graphik von Günther Grass ist, die von Gunther Philler (Jenaer Bücherstube) ersteigert wird, ergibt der Tag den sagenhaften Erlös von etwa 10.000,00 Mark.
Mit dem Bargeld in der Tasche fahren Mitglieder unserer Gruppe nach Berlin und kaufen dort drei Tage lang alles ein, was in Diriamba gebraucht werden könnte: Werkzeug, Gummistiefel, Schubkarren, Bücher, Schulmaterial. Aus Jena hatten wir die üblichen Sachspenden (jede Menge getragene Kleidung, gebrauchte Brillen, Kinderspielzeug) mitgebracht.
Bereits vorher hatten wir Kontakt zum damals vielgescholtenen Solidaritätskomitee der DDR, dessen Chef Peter Stobinski uns freundlich und offen empfing. Diese Organisation machte es möglich, die Waren in einen Schiffscontainer (der damals aus Holz war) zu packen und nach Nicaragua zu transportieren – unbürokratisch, unkompliziert und für uns kostenlos.

Der Empfang des Containers mit den Sachspenden wird uns von Rafael Castro in einem langen Brief bestätigt.
Ein Jahr später sahen die drei Besucher aus Jena, dass Rafael Castro und die Mitglieder seiner Gemeinde aus den Brettern des Containers eine Verkleidung für den Altarraum seiner Kirche gebaut hatten.
Noch im Jahr 2012, während eines Besuches von Dr. Albrecht Schröter bei Rafael, fällt mir diese Wiederverwendung der Bretter auf, nunmehr als Halterung für einen Bibelspruch.


Er hat über verschlungene Wege von uns erfahren und möchte uns kennenlernen. Über die nächsten Jahre entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen dem „monimbó e. V.“ und „el camino“, später dem Welthaus und schöne Freundschaften zwischen Vereinsmitgliedern.
Das kulminiert u. a. in der Präsentation des Dietzenbacher Wandbildes in der Jenaer Goethegalerie im Juni 1996.

Klaus unterstützt uns nach dem Ende der DDR und der „Wiedervereinigung“ entscheidend bei der Registrierung des Eine-Welt-Hauses beim Jenaer Amtsgericht und auch später bei der Gründung der Städtepartnerschaft mit San Marcos. In beiden Fällen haben wir einfach die entsprechenden Dokumente aus Dietzenbach genommen und auf unsere Verhältnisse angepasst.

Bild rechts: Klaus Meyer, Quelle: dietzenbacher-menschen.de/meyer-dr-phil-klaus

Frühsommer 1988

Frühsommer 1988: Auf einer Fahrt von Berlin zurück nach Dietzenbach besucht uns Klaus Meyer in Jena, der Vorsitzende des Vereins „monimbó“.


Herbst 1988 - Frühjahr 1989

Mitglieder von el camino versuchen, eine Delegation nach Diriamba zu entsenden, eine Einladung von Rafael Castro haben wir.

Vorbild sind westdeutsche Solidaritätsgruppen, die seit dem Sieg der sandinistischen Revolution in den Norden Nicaraguas reisen, um dort in der Kaffeeernte oder in Projekten zu arbeiten – aber auch als Zeugen des von den USA finanzierten Contra-Krieges zu fungieren. Dahinter steht auch der Gedanke, dass die Anwesenheit von Europäern die Schwelle für terroristische Akte der Contras gegen die nicaraguanische Landbevölkerung erhöht oder gar verhindert.

Obwohl wir alle unsere spärlichen Beziehungen spielen lassen, uns sowohl an das Staatssekretariat wenden und auch persönlich beim Thüringer Landesbischof Leich vorstellig werden, können wir keine Brigade zusammenstellen. Alle unsere Anträge werden abgelehnt.

Die Reise nach Nicaragua wird später nur drei kirchlich gebundenen Mitgliedern aus unserer Gruppe genehmigt.


Das läßt uns nicht unberührt und wir versuchen, unsere begrenzten Mittel zur Hilfe der Opfer in Nicaragua zu bündeln.
Dabei gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen Christen und Nichtchristen, informellen Gruppen und staatlichen Organisationen, zwischen Studenten der Theologie, der Rechtswissenschaften und Mitgliedern von el camino. Was heute angesichts der üblichen Darstellung der Lebensverhältnisse in der DDR ungewöhnlich erscheint oder gar als Querfront verunglimpft werden könnte, war für uns Alltag: So gab es seit vielen Jahren in der Mensa unserer Uni einen langen Tisch, an dem sich Theologen, Mediziner, Physiker und Studenten anderer Fachrichtungen trafen und bisweilen heiß diskutierten. Die Debatten konnten bei gutem Wetter im Prinzessinnengarten oder auf dem Gelände des damals schon parkähnlichen Johannisfriedhofs enden (friedlich natürlich). In der kleinen, überschaubaren Universitätsstadt kannte man sich und viele von uns nutzten die Möglichkeiten, sich mit Vertretern anderer Fakultäten auszutauschen (oder eben mit ihnen zu streiten).
Also sammelt die Gruppe „el camino“ Spenden, auch in den Sektionen Medizin und Theologie der Uni Jena, und leitet das Geld an das DDR-Solidaritätskomitee weiter. Von dort geht die Unterstützung nach Nicaragua.
Bereits wenig später hat diese Nähe zwischen Juristen, Theologen und Medizinern zu einem weiteren gemeinsamen Projekt geführt: Unter der Überschrift „ambulancia“ (siehe hier, ab Seite 315) wurde gemeinsam Geld gesammelt, um einen Krankenwagen der Marke Barkas zu kaufen und dem nicaraguanischen Gesundheitswesen zur Verfügung zu stellen.
Zugleich war die Spendensammlung für das vom Wirbelsturm Joana großflächig zerstörte Nicaragua für uns die erste Erfahrung mit einer organisierten Öffentlichkeitsarbeit. Wir sammelten das Geld nicht nur im Familien- und Freundeskreis, sondern schrieben unsere ersten Spendenaufrufe, um sie per Post zu verschicken oder persönlich zu verteilen.

 

Oktober 1988

Der Wirbelsturm "Joan" trifft auf Mittelamerika. 


Juli 1989

Drei Mitglieder der Gruppe el camino reisen nach Nicaragua, um dort unseren langjährigen Kooperationspartner Rafael Castro wiederzusehen.

Der Reise ist eine lange Vorbereitung vorausgegangen. In den 1980er Jahren sah sich Nicaragua der Aggression und terroristischen Angriffen seitens der USA ausgesetzt. Dagegen bildete sich weltweit eine Solidaritätskampagne. Viele dieser Gruppen nahmen an der Kaffeeernte in Nicaragua teil: Kaffee war und ist ein wichtiges Exportgut des Landes; durch den Contra-Krieg fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Diese sollten durch Brigadisten ersetzt werden.
Da wollten wir mitmachen und beantragten als etwa 10köpfige Gruppe die Ausreise nach Nicaragua.
Aber ach, nur Franziska Rohner (Mitarbeiterin der Diakonie) sowie Jörn Mothes und Christoph Matschie als Studenten der Theologie durften als kirchliche Dienstreisende nach Nicaragua fliegen. Ihnen traute man offenkundig nicht zu, was man bei uns anderen vermutete oder nicht ausschließen wollte: dass die Zwischenstationen Westberlin und Amsterdam uns (u. a. Physiker, Mediziner) auf Abwege führen könnten.
Sie lernen seine Gemeinde und den zugehörigen Kindergarten kennen, sehen seine Arbeit für nicht nur für seine „Schäfchen“, sondern für seine Stadt, sein Land. Immerhin hatten wir danach durch ihre die Berichte ein lebendigeres Bild über Nicaragua und besonders unserer Partner in Diriamba.
Neben einigen Fotos und vielen mündlichen Erzählungen über diese Reise ist ein Bericht von Christoph Matschie über die Teilnahme der Drei an den Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der sandinistischen Revolution erhalten geblieben.
Über die Rolle der heutigen FSLN und die Politik der aktuellen sandinistischen Regierung sind Christoph und ich unterschiedlicher Meinung. Ich dokumentiere diesen Bericht hier als Zeitzeugnis.


Frühe 1990er Jahre

Wir lernen guatemaltekische Indiofamilien kennen, die in Diriamba/Nicaragua als politische Flüchtlinge leben.

Der Kontakt wurde uns von Dr. Michael Funke, ein Gründungsmitglied des Eine-Welt-Hauses, durch seine persönlichen Beziehungen nach Lateinamerika hergestellt.

Die Indios wurden durch die äußerst brutale, von den USA finanzierte Aufstandsbekämpfung aus ihrer Heimat, der Hochebene von Quiché, vertrieben. Einige von ihnen waren Mitglieder der guatemaltekischen Befreiungsfront URNG, die aus Angst oder Vorsicht selbst hier im sicheren Exil nur „die U“ genannt wird.
In Nicaragua wurden sie als Geflüchtete unkompliziert aufgenommen, erhielten von der sandinistischen Regierung Grundstücke und Häuser.

Wir lernen freundliche, offene und unkomplizierte Menschen kennen, die uns durch ihre stille Art bestechen. Sie leben in einem großen Familienverbund. Der Kontakt mit ihnen fällt uns auch aus einem anderen Grund leicht: Untereinander sprechen sie in ihrem indianischen Dialekt, mit uns auf Spanisch – das ist auch für sie eine Fremdsprache. Das macht es vor allem mir, der damals nur über ein rudimentäres Volkshochschulspanisch verfügte, leicht, mich mit ihnen zu verständigen.

Ihren Lebensunterhalt verdienen die Familien vor allem mit Web- und Näharbeiten. Um sie zu unterstützen, schleppen wir später ihre Produkte kofferweise nach Jena, um sie im Eine-Welt-Laden zu verkaufen.


28.02.1990

Die Wende ist über uns gekommen und die deutsche Wiedervereinigung steht ins Haus.

Seit kurzem ist es in der DDR möglich, Vereine zu gründen. Wie gewohnt, nutzen wir die uns neu gegebenen Freiräume und melden el camino als eingetragenen Verein an – als Nummer zwei im Vereinsregister hinter dem Alpenverein. Umgehend beantragen wir die Gemeinnützigkeit und eröffnen ein Spendenkonto. Neben den gewohnten Paketsendungen können wir die Gemeinde in Diriamba nunmehr direkt finanziell unterstützen.


Neben Mitgliedern von „el camino“ kam Ende des Jahres 1989 und zu Beginn des Jahres 1990 spontan und dementsprechend unorganisiert eine Anzahl von Menschen zusammen, die in Jena Dritte-Welt-Arbeit (wie man damals sagte) machen wollte.
Nachdem die DDR so gut wie beseitigt war und die Wiedervereinigung anstand, wurde uns klar, dass Jena bald eine bundesdeutsche Stadt wie jede andere sein würde. In jeder Kommune der alten Bundesländer, die wir inzwischen besucht hatten, gab es einen Dritte-Welt-Laden, zugehörige Vereine und Städtepartnerschaften. Warum sollte es in Jena anders sein?
Die Initialzündung für alles, was danach kam, war die schnell und überraschend vollzogene Okkupation des ungenutzten Ladens „Saatgut Chrestensen“ in der Oberlauengasse – der Eigentümer war nach Erfurt umgezogen. Jemand aus unserer Gruppe hatte die Schlüssel für die Räume besorgt, die wir in nachmittäglichen und nächtlichen Einsätzen zum Jenaer Eine-Welt-Laden umbauten.
Keiner von uns hatte auch nur den geringsten Schimmer vom Handel. Was uns zusammenhielt und vorantrieb: Wir wollten den Gedanken der Solidarität mit Ländern des Globalen Südens in unsere neue Welt hinüberretten. Der in der alten BRD seit Jahren etablierte Faire Handel hatte gezeigt, dass das Zahlen gerechter Preise für Produkte aus „Entwicklungsländern“ – von Kaffee über Kunsthandwerk bis zu Textilien – zur Beseitigung von Ausbeutung, Abhängigkeit und Ungerechtigkeit beitragen kann. So hing in unserem Schaufenster dieses Schild: „Eure Almosen könnt Ihr behalten – wenn Ihr gerechte Preise zahlt!“.
In der Rückschau erstaunt es mich noch heute, wie locker wir mit allen Schwierigkeiten fertig geworden sind. In Ermangelung einer angestellten Verkaufskraft lösten wir uns in unserer Freizeit hinter dem Ladentisch ab. Immerhin hatten wir eine behördliche Verkaufsgenehmigung.
Unser Warenangebot sprach viele Käufer an, wir trafen auf offenbar lang gehegte Bedürfnisse. Deswegen war der Nachschub ein Problem, ohne Internet und angesichts von im Osten noch nicht etablierter Strukturen der Fair-Handels-Organisationen. So mussten wir manche Kunden mit dem altbekannten „hammwa nich“ abspeisen. In den ersten Monaten fuhren Mitglieder unserer Gruppe im geliehenen VW-Bus nach Hessen oder Bayern, um dort Waren einzukaufen – immer mit dem Ziel, zur Ladenöffnung wieder in Jena zu sein.
Was als spontane Ladenbesetzung und als Abenteuer begann, war wenig später ein ernsthaft betriebenes Einzelhandelsunternehmen und bald der umsatz-stärkste Weltladen in den neuen Bundesländern.

August - September 1990

Am Beginn der Geschichte des Eine-Welt-Hauses Jena stand eine illegale Aktion: Die Besetzung eines leerstehenden Geschäftes.


18.09.1990

Jetzt gibt es kein Zurück mehr!

Das Eine-Welt-Haus, bisher ein informeller, wenn auch verbindlicher Zusammenschluss Gleichgesinnter, wird beim Amtsgericht als eingetragener Verein registriert.
Die dafür notwendigen Formalitäten (Satzung, Geschäftsordnung und Wahl des Vorstandes) sind erledigt, auch wenn das alles für unser Selbstverständnis weniger notwendig ist: wir wissen, was wir wollen, und machen einfach weiter, was wir in den vergangenen Monaten begonnen haben.


Dass der besetzte Laden in der Oberlauengasse eine Übergangslösung war, sollte uns klar gewesen sein. Ringsum wurden nach und nach Häuser abgerissen oder saniert, ständig gab es Eigentümerwechsel; wir waren dort nur geduldet.

In den kommenden Monaten wurden die DDR-Handelsorganisationen HO und KONSUM liquidiert, die Geschäftsräume verkauft oder an Alteigentümer rückübertragen. Das würde bald auch die von uns bisher genutzten Räume betreffen. Zeit für uns, nach einer ständigen Bleibe zu suchen.
Durch den „Buschfunk“ erfuhren wir, dass das Kurzwaren- und Unterwäschegeschäft Unterm Markt an die Stadt zurückgegeben werden würde. Mit der vorher bereits erfolgreich geführten Argumentation – Jena braucht ein entwicklungspolitisches Zentrum – bewarben wir uns um diese Räume.Unser Angebot an die Stadtverwaltung, einen Ort für die Pflege internationaler Bezie-hungen, entwicklungspolitische Bildungs-arbeit und den Fairen Handel im Herzen Jenas zu etablieren, kam gut an. Wir konnten (und können) uns über einen langfristigen Mietvertrag freuen.
Der Umzug war schnell erledigt. Ein befreundeter Tischler baute aus den vom Vor-mieter übernommenen Möbeln eine Laden-einrichtung und schon konnte es losgehen.

Neben dem Geschäft verfügten wir nunmehr über ein repräsentatives Büro und einen Seminarraum. Dadurch wird es uns möglich, regelmäßig öffentliche Bildungs- und Informationsveranstaltungen zu organisieren.
In den Räumen konnte der Eine-Welt-Laden sein Angebot ausweiten, eine inzwischen fest angestellte Verkäuferin sorgte für regelmäßige Öffnungszeiten.
Nicht überall spricht sich das veränderte Warenangebot herum: noch Monate später fragen Kunden im Weltladen nach Schlüpfern oder Zwirn.

November 1990

Unterm Markt 13 – das neue Zuhause für unseren Verein


Dezember 1990

Endlich, endlich! sehen wir Nicaragua mit eigenen Augen.

Gemeinsam mit Tom, meinem damals und bis heute besten Freund und Genossen, fliege ich nach Nicaragua. Dort treffen wir unseren lieben Freund Rudyard, der seine Familie besucht und uns angesichts unserer rudimentären Spanischkenntnisse und Unerfahrenheit zur Seite steht. Er kann uns vieles erklären.

Nachdem wir jahrelang aus Büchern, Zeitungsartikeln und gelegentlich auch aus persönlichen Reiseberichten alle Informationen aus unserem Traumland auf-gesogen haben, können wir es nun selbst erkunden. In diesen Wochen in Diriamba lernen wir Rafael Castro und seine Familie kennen, erleben die Arbeit in seiner Kirche wie auch dem zugehörigen Kindergarten. Eine Fülle von Eindrücken stürmt auf uns ein, die uns noch monatelang beschäftigen werden.

Es war nicht alles so, wie wir es uns in den langen Jahren davor vorgestellt hatten; aber alles war so, wie es sein mußte.


April 1991

Unerwartete Schwierigkeiten tun sich auf.

Betrug das Porto für ein 20 kg-Paket nach Nicaragua in der DDR ca. 10,00 Mark und in den ersten Monaten nach der Wiedervereinigung 25,00 DM, wurde der Preis am 1. April 1991 auf 60,00 DM erhöht.

Das war häufig genug mehr als der Wert des Inhaltes eines Paketes. Mit der Blauäugigkeit eines in der DDR Sozialisierten und gewohnt, dass Briefe oder Eingaben manchmal doch etwas bewirken, schreibe ich an den BRD-Postminister. Es muss in diesem schnell wachsenden, reichen Land doch möglich sein, eine Gebührenreduktion für „Hilfssendungen“ zu gewähren, oder?

Der Brief wird nie beantwortet.
Demzufolge mussten wir die Zahl der Pakete nach Diriamba drastisch einschränken.

Zeitungsartikel: "Die Heimat zweimal verloren" OTZ 06. 07. 1991


Es beginnt ein unrühmliches Kapitel der Geschichte der gerade wiedervereinigten Bundesrepublik. Nicht nur wir nutzen die neuen Freiheiten. In ungeahnter Schnelle treten in den neuen Bundesländer Fremdenhass und Kriminalität zu Tage. Bald kann fast jeder in Jena lebende Ausländer, nichtdeutsche Student oder auch nur ungewöhnlich aussehende Mensch von Anfeindungen, Beleidigungen bis zu tätlichen Angriffen berichten. Die „Baseballschlägerjahre“ haben begonnen.

Wir reagieren darauf und bieten die Ladenräume als Treffpunkt, sicheren Ort und Veranstaltungsraum für Menschen aus dem In- und Ausland an.

Irgendwann 1991

Der Eine-Welt-Laden wird stundenweise zu la cabaña, zur Hütte.


September 1991

Während eines Nicaraguaaufenthaltes treffen wir in Masaya Klaus Meyer wieder.

Mit ihm, dem Vorsitzenden des Vereins monimbó Dietzenbach, besuchen wir San Marcos. So lernen wir diese freundliche kleine Stadt und ihren Bürgermeister kennen. Und es beginnt einewunderbare Freundschaft, die später in die Städte-partnerschaft zwischen Jena und San Marcos mündet.
Damaliger Bürgermeister von San Marcos war Ernesto Ortega, der den Dietzen-bachern als vormaliges Stadtoberhaupt von Masaya bekannt war.
Wir waren stark beeindruckt von Ernesto, einem aktiven Politiker mit großen Visionen, einem starken Willen, seine Stadt zu modernisieren und die Bevölkerung aus ärmlichen Lebensverhältnissen zu holen. Er war ein ruheloser Mensch, der uns sofort in seinen Bann schlug.
Bis auf den heutigen Tag sieht man in San Marcos die Spuren von Ernesto, der inzwischen verstorben ist. Er war es gewohnt, groß und in die Zukunft zu denken. So schaffte er es nicht nur, in der ehemaligen Mädchenschule den lateinamerikanischen Campus einer US-amerikanischen Universität zu etablieren. Auch organisierte er in diesen kargen Jahren die Finanzmittel, mit denen in seiner Stadt ein Fußballstadion und ein Kulturhaus errichtet werden konnten – auch wenn beide Bauwerke angesichts der Bevölkerungszahl von San Marcos etwas zu groß geraten sind.

Bild links: Ernesto Ortega im Gespräch mit Dr. Michael Funke - zwei Macher, die sich sofort verstanden haben.


Mitglieder von el camino und des Eine-Welt-Hauses sitzen in einem Restaurant und träumen von einer besseren Zukunft.

Wir haben inzwischen die Arbeit, die Attraktivität und die Erfolge einiger deutsch-nicaraguanischer Städtepartnerschaften wie die zwischen Dietzen-bach/Hessen und Masaya kennengelernt. Wir haben von den Mitgliedern des monimbó e. V. viel gelernt. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Jena bald eine gewöhnliche bundes-deutsche Stadt sein wird, fragen wir uns, warum wir keine solche internationale Beziehung haben sollten.

Dieser Gedanke, diese Vision wächst sich in den kommenden Jahren aus und führt im November 1995 zu einem ersten Versuch, die Beziehung zwischen den beiden Städten durch einen Vertrag zu besiegeln.

 

Irgendwann 1991

an einem Abend in San Marcos, Nicaragua


Ende 1991

Es gibt ihn noch, den Verein „el camino“!

Um unseren langjährigen Projektpartner in Diriamba/Nicaragua zu unterstützen, beginnen wir ein erstes Infrastrukturprojekt. So geht der Verein "el camino" neue Wege und erste Schritte in Richtung der klassischen Entwicklungszusammenarbeit, weg von den Sachspenden, die wir bisher in Paketen nach Diriamba geschickt haben: Wir konnten ausreichend Geld sammeln, um Rafael Castro den für uns damals gigantischen Betrag von 8.410,00 Dollar zur Verfügung zu stellen. Damit wurden in der Kooperative, die seit Kurzem zu Rafaels Gemeinde gehört, ein Brunnen gebohrt und eine windbetriebene Wasserpumpe installiert.
Diese Windmühlen sind so einfach konstruiert, dass sie auch in Regionen abseits der Zivilisation und ohne großen Wartungsaufwand funktionieren.

Die Bauphase gestaltete sich schwierig, da es damals in Nicaragua nicht viele Firmen mit ausreichender Expertise gab, unter denen Rafael sich einen Partner hätte aussuchen können. Zudem hatten wir es mit einem Land zu tun, das gerade erst einen Krieg und ein von den USA initiiertes Wirtschaftsembargo hinter sich hatte. Schließlich hat aber alles geklappt und nach einigem Hin und Her konnte die Windmühle Marke „Texas Aeromotors“ in Betrieb genommen werden.


Dezember 1991

Das Eine-Welt-Haus beginnt Entwicklungszusammenarbeit im Ausland.

Durch Vermittlung einer Nicaraguanerin, die in Jena studiert hatte, lernen wir das Dorf „El Ocote“ kennen. Es liegt im Norden Nicaraguas, nahe der Stadt Matagalpa, auf einem nur über schmale Pfade und eine unbefestigte Straße erreichbaren Berg. Entsprechend marginalisiert und einfach lebten dort einige Kleinbauernfamilien.

Wie so häufig auf dem Lande und zu dieser Zeit, hatten die Menschen kleine Holzhütten, bei vielen waren die Dächer in schlechtem Zustand und nicht regendicht.
Mit vom Nicaragua-Verteilerrat zur Verfügung gestelltem Geld konnten wir ihnen Zinkbleche finanzieren. Sie wurden in Matagalpa gekauft, auf dem Rücken in das Dorf getragen und in Eigenleistung auf die Hütten gesetzt.
Für viele von uns waren die Aufenthalte in El Ocote die ersten Begegnungen mit der Einfachheit und der Armut in den ländlichen Regionen. Wir erlebten dort ebenso stille wie fremdenfreundliche Menschen: Sie nahmen uns auf und verpflegten uns, problemlos wurde die kleine Dorfschule zum Übernachten für uns freigeräumt.

Was uns allerdings erst nach und nach, vielleicht erst hinterher bewusst wurde: Wir befanden uns am Rande eines Kriegsgebietes. Zwar war der von den USA finanzierte Contra-Krieg mit einem Friedensvertrag und der Wahlniederlage der FSLN im Jahr 1990 beendet. Viele der demobilisierten Contra-Söldner wie auch inzwischen entlassene Soldaten der nicaraguanischen Volksarmee sahen sich jedoch durch die nun im Amt befindliche neoliberale Regierung unter Violeta Chamorro betrogen. Und wiewohl ihnen im Gegenzug für das Niederlegen der Waffen ein Stück Land oder ein Kredit für den Beginn wirtschaftlicher Aktivitäten zugesichert worden waren, mussten sie nun feststellen, dass die Regierung diese Zusagen nicht einhielt.

Die Mehrzahl dieser Enttäuschten hatte während der Revolution und in den 1980er Jahren nichts anderes als das „Kriegshandwerk“ erlernt - und sie hatten gesehen, dass ihre Forderungen am ehesten wahrgenommen werden, wenn sie von Gewaltakten begleitet werden. So machten Banden aus „recontras“ oder „recompas“ (compa = compañero = revolutionärer Kämpfer) den Norden Nicaraguas mit Überfällen, Sprengstoffanschlägen, Straßensperren, Entführungen unsicher. Da die vormaligen Gegner erkennen mussten, dass beide Seiten gleichermaßen betrogen worden waren, schlossen sich einige von ihnen zu „revueltos“ (huevos revueltos = Rühreier) zusammen. (Uns ist nichts passiert.)                                                             

                                                                                  

Zeitungsartikel: "Strom für Schule und Maismühle" TLZ Dezember 1991


Am 12. Oktober des Jahres 1492 erreichten drei von Cristóbal Colón (Christoph Kolumbus) befehligte Schiffe den amerikanischen Kontinent. Obwohl es Hinweise darauf gibt, dass bereits vorher Europäer (vermutlich Wikinger) dort anlandeten, und obwohl ganz sicher auch vorher dort Menschen lebten, wird von Einigen dieses Datum als Beginn der lateinamerikanischen Geschichte gefeiert.

Für die Ureinwohner Nord-, Mittel- und Südamerikas hatte dieses Aufeinander-treffen unterschiedlicher Kulturen schwere Folgen: die Ausrottung ganzer Völker durch Gewalt und eingeschleppte Krankheiten, die Zerstörung hoch entwickelter Kulturen samt deren Traditionen und Sprachen, Ausplünderung natürlicher Ressourcen, die Entstehung bisher unbekannter Abhängigkeiten.

Da der Begriff „Entdeckung“ eigentlich einen Vorgang beschreibt, bei dem ein Mensch etwas sieht, was noch niemand vor ihm sah, wird in Lateinamerika eher von „Eroberung“ gesprochen: Auch wenn die spanischen, später britischen und französischen Ankömmlinge die Ureinwohner dieses Kontinents vor allem aus ökonomischen, aber auch religiösen Gründen nicht als Menschen ansahen, war das Land ebenso wenig unbewohnt wie ohne Eigentümer. Es kann also nicht von einer „Entdeckung“ gesprochen werden.

Deshalb schloss sich das Eine-Welt-Haus im Oktober 1992 einer sowohl in den Amerikas als auch Europa aktiven Bewegung an, die aus Anlass dieses Jubiläums auf die Unterschiede von Entdeckung und Eroberung hinweisen wollte. Dabei ging es z. B. darum, auf bis in die heutige Zeit anhaltendes koloniales Verhalten den lateinamerikanischen Staaten gegenüber hinzuweisen, unsere Verantwortung für Armut und Marginalisierung, failed states und „Unterentwicklung“ in dieser Region zu benennen.

Dafür konnten wir eine Reihe von öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten in Jena organisieren, die z. B. hier und hier dokumentiert sind.
Diese Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten auszusprechen, bleibt auch heute, lange Zeit nach diesem Jahrestag, eine unserer Aufgaben.

12.10.1992

500 Jahre „Entdeckung“ Amerikas


Januar 1993

Ausreise aus Nicaragua, Rückkehr nach Guatemala

Die in Nicaragua als Geflüchtete lebenden guatemaltekischen Indiofamilien können nach dem Friedensschluss in ihrer Heimat endlich nach Hause zurückkehren.

Da wir über die Jahre eine enge Verbindung mit ihnen aufgebaut haben, wollen wir sie dabei unterstützen: Wir glauben, dass unsere Anwesenheit bei ihrer Rückkehr ihre Sicher-heit erhöht. So reisen wir gleichzeitig – sie wegen des umfangreichen Gepäcks auf dem Landweg, wir im Flugzeug – von Managua nach Guatemala-Stadt.


Dabei waren wir davon überzeugt, alles sei gut vorbereitet: den Antrag an die Stadtverordnetenversammlung hatten wir von der bereits etablierten Städtepartnerschaft Dietzenbach - Masaya abgeschrieben. Unsere Argumentation hielten wir für nachvollziehbar, für geradezu unschlagbar und wähnten uns ohnehin auf dem richtigen Weg.
Was wir in unserer staatsbürgerlichen Naivität und politischen Unerfahrenheit nicht geahnt hatten: Der Antrag wurde schlicht aus dem Grunde abgelehnt, weil wir ihn über die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen eingebracht hatten. Das erschien uns als der einfachste Weg, da wir Mitglieder dieser Fraktion persönlich kannten. Später wurde uns erklärt, dass auch jeder andere Antrag abgeschmettert worden wäre, selbst wenn mit ihm ein glückliches Leben für alle Jenenser sichergestellt worden wäre – so er denn von den Grünen käme…

Wie so oft gab es Gutes im Schlechten: Wir wussten nun, dass der Stadtrat eigentlich nichts gegen eine solche Städ-tepartnerschaft hatte. Und wir lernten, unsere Ziele besser zu begründen, wir sollten politische Überzeugungsarbeit leisten und die Zivilgesellschaft einbeziehen, mit den Fraktionen reden, Bürgersprechstunden besuchen.
Diese Aufgaben haben wir in den kommenden Jahren offenbar nicht so schlecht erfüllt, denn fünf Jahre später wurde unser Antrag schließlich angenommen und die Städtepartnerschaft ist heute aus dem gesellschaftlichen Leben unserer Stadt nicht mehr wegzudenken.

Zeitungsartikel: "Städtepartnerschaft mit San Marcos?" OTZ Januar 1993, "Nun erst einmal Freundschaft" TLZ November 1995 

Februar 1993

Unser erster Versuch, eine Städtepartnerschaft mit San Marcos zu schließen, geht gründlich schief.


März 1993

Das erste Projekt von el camino in San Marcos, der Bau von Latrinen in der Trockenzone von San Marcos

Damaliger Projektpartner in Nicaragua war eine Gruppe von Sanmarqueños, die sich für soziale Belange in ihrer Stadt einsetzten. Bereits in dieser Anfangszeit unserer Beziehung mit San Marcos waren Dr. Roberto Vásquez und Violeta Machado – heute Leistungsträger unseres Partnervereins APRODIM – die Organisatoren dieses Projektes.
Zielgruppe waren Kleinbauernfamilien im Dorf Dulce Nombre in der ländlichen Trockenzone westlich von San Marcos. Sie wohnten in einfachen Hütten und Häusern; sie verfügten nicht über adäquate sanitäre Anlagen. Da der Bau von WCs wegen des Fehlens von Wasserleitungen in die Häuser und einer Kanalisation wie auch aufgrund unserer begrenzten Fi-nanzmittel nicht möglich war, wurde die Installation von Trockentoiletten beschlossen.
Als Eigenleistung mussten die Empfänger die Absetzgruben graben oder bereits vor-handene reinigen. Bei denjenigen Familien, die diese Vorarbeit nicht erbringen konn-ten, weil keine männliche Arbeitskraft zur Verfügung stand, wurden die Erdarbeiten von Nachbarn geleistet. Die Bauteile –  Grundplatte und Toilettensitz – sind von einer in San Marcos ansässigen Firma nach dem lokal üblichen Schema gebaut worden.
Das Projekt ging glatt über die Bühne, in kurzer Zeit waren die Bauteile hergestellt und die Plumpsklos gebaut. Unser erster Erfolg!
Da – damals keine Seltenheit – eine Jenaer Lokalzeitung in einem Artikel darüber berichtet und auch erwähnt, dass ich mit weiteren Vereinsmitgliedern zur Übergabe der Latrinen in der Partnerstadt war, werde ich noch Jahre später gefragt, wann ich wieder nach Nicaragua fliege, um Klos einzuweihen.


Es stammt aus dem Hessischen Dietzenbach, wo es ursprünglich am Rathaus die Städtepartnerschaft mit Masaya, einer Nachbarstadt von San Marcos, symbolisieren sollte.

Das von jungen nicaraguanischen Künstlern aus dem Stadtteil Monimbó gemalte Bild schildert die Geschichte Lateinamerikas und ihres Landes, wobei weder die spanischen Konquistadoren noch der US-amerikanische Imperialismus gut wegkommen. Das missfällt vielen im Dietzenbacher Stadtrat und schließlich auch der Mehrheit der Einwohner, die in einer Abstimmung gegen das Anbringen des Bildes votieren. Eine aus fachkundigen Federn stammende Beschreibung des Wandbildes finden Sie hier, die Argumente der Gegner hier.

Da das Bild auf Metallplatten gemalt wurde, bietet Klaus Meyer, der Vorsitzende des Dietzenbacher Vereins „monimbó“, uns und anderen befreundeten Organisationen an, es in unseren Städten auszustellen. Wir haben die Möglichkeit, es zeitweise an ein Gerüst montiert in der Jenaer Goethe-Galerie zu zeigen.
Es läuft eine in der Rückschau wahnsinnige Aktion ab: ein befreundeter Bauunternehmer baut nachts nach der Öffnungszeit im Innenraum des Einkaufszentrums ein Gerüst auf. Mein Nachbar, der Zimmermann Markus Ritzer, ist der Einzige von uns, der in gefühlt 40 Metern (in Wirklichkeit waren es wohl nur um die 20) Höhe schwindelfrei arbeiten und, in einem schwankenden Hubwagen stehend, die Metallplatten am Gerüst zu befestigen weiß. Keiner von uns hat so etwas bisher gemacht, danach wohl auch nicht.
Die Aktion ist weder versichert noch haben wir eine Finanzierung dafür, alles geschieht in Eigenleistung und auf eigenes Risiko. Irgendwann lange nach Mitternacht konnten wir, physisch und psychisch am Ende unserer Kräfte, das Werk bestaunen.
Ich bin mir sicher, dass so etwas heute in dieser Art und Weise nicht mehr möglich wäre. Doch wir waren jung und wollten die Sache durchziehen; Bedenken hatten wir nicht. Wir haben es geschafft!!
Später kamen, wohlorganisiert und durchfinanziert, mit behördlichen Genehmigungen und von Spezialisten ausgeführt, das Wandbild an unserem Domizil Unterm Markt 13 und das Rohrbild im Jenaer Paradies dazu.

Zeitungsartikel: "Bleistift und Heft fehlen" TLZ 29. 08. 1997
Zeitungsartikel: "Jena, San Marcos und der Klimagipfel" TLZ 05. 12. 1997 
Zeitungsartikel: "Cena navideña o las matriculas" END 02. 01. 1998

16. Juni 1996

Jena bekommt sein erstes Wandbild, wenn auch nur zeitweise und geliehen.


26. Februar 1998

Der Jenaer Stadtrat beschließt, eine offizielle Städtepartnerschaft mit San Marcos einzugehen.

Nachdem Jahre zuvor ein erster Versuch, eine solche Beziehung zwischen Jena und San Marcos zu etablieren, aufgrund unserer politischen Unbedarftheit gescheitert war, stimmt die Stadtverordnetenversammlung unserem Antrag nunmehr zu.

Bevor dieser angenommen wurde, hatten wir uns darum bemüht, Unterstützung für unser Anliegen sowohl auf bürgerschaftlicher als auch auf politischer Ebene zu finden. Nachdem wir inzwischen auf eine Reihe erfolgreicher entwicklungspolitischer Aktivitäten im In- und Ausland verweisen konnten, standen uns nun mehr Türen offen als in den Anfangsjahren. Vor allem unsere Präsenz in Schulen und Kindergärten kam uns hierbei zupass.

Zusätzlich haben wir uns aufgeteilt und alle im Jenaer Stadtrat vertretenen Parteien kontaktiert. Diese Besuche der Stadtverordneten waren für viele von uns der Punkt, an dem wir endlich sagen konnten, in der bundesdeutschen Realität angekommen zu sein…

30. 07. 1998: Der Verein „el camino“ wird aufgelöst.

 

 

Ein Grund dafür sind die extrem hohen Portogebühren für Pakete nach Nicaragua. Hinzu kommt, dass viele Vereinsmitglieder in den Jahren nach der Wende Jena verlassen müssen oder wollen und soUEBER Hist 1998 07 30 die Bindung an den Verein verlieren. Den verbliebenen Aktiven fehlten Kraft, Zeit und Motivation, sich unter den geänderten Rahmen-bedingungen (komplizierte Stiftungsanträge und Abrechnungen, aufwändige Öffentlichkeitsarbeit…) zu engagieren. Andere zogen sich desillusioniert zurück.

Mein Resümee

November 1998: Der Hurrikan „Mitch“ trifft auf Mittelamerika

Es war der stärkste und tödlichste Wirbelsturm seit Jahrhunderten, der nicht nur in Nicaragua zur sozialen Katastrophe wurde. In wenigen Tagen fiel so viel Regen wie sonst in einigen Monaten, in weiten Landstrichen wurden große Teile der landwirtschaftlichen Kulturen vernichtet. Auch in unserer nicaraguanischen Partnerstadt San Marcos verloren viele Bauern ihre gesamte Ernte.
Da zur gleichen Zeit im Norden des Landes das gesamte Dorf Posoltega durch eine Schlammlawine zerstört wurde und dort in wenigen Stunden mehr als 2.000 Menschen starben, war das internationale Presseecho groß.
Die erwartet hohe Spendenbereitschaft der Jenaer versetzte uns in die Lage, ein Soforthilfe-programm für Kleinbauern zu beginnen und so eine Hungersnot in den zu unserer Partner-stadt gehörenden Dörfern zu verhindern: es werden Nahrungsmittel und Saatgut verteilt.
Heute wirkt das alles wie eine Vorwegnahme eines Nothilfeprojektes nach den Wirbelstürmen Ende des Jahres 2020. Aber unsere Partner bei APRODIM haben aus diesen Katastrophen gelernt: Die Kleinbauern werden zur ökologischen Umstellung der Land-wirtschaft befähigt, um die Widerstandsfähigkeit ihrer Produktionsbedingungen zu stärken. Dazu dient unter anderem die Diversifizierung der Aussaaten.
Der Schutz der Umwelt sowie die weitere Anpassung der sozialen und wirtschaftlichen Systeme an die weiterhin zu befürchtenden negativen Auswirkungen des Klimawandels steht nicht erst seitdem im Zentrum einer Reihe unserer ökologischen Projekte.

                                              

Februar 1999: Nach Ausübung mehr oder weniger sanften Drucks überzeugen wir Freunde in San Marcos davon, einen gemeinnützigen Verein zu gründen.

UEBER Hist Februar1999 aaDieser Schritt hatte eine für uns ebenso einschneidende wie lehrreiche Vorgeschichte: Wiewohl ausgestattet mit viel gutem Willen und dem Wunsch, unseren Beitrag zur Schaffung einer besseren Welt beizutragen, fehlte uns doch ein tieferer Einblick in die Kultur und die Lebenswirklichkeit in unserer nicaraguanischen Partnerstadt. Selbst wenn viele von uns mindestens jährlich ihren Urlaub dort zubrachten, waren wir dennoch dort nicht mehr als gern gesehene und freundlich aufgenommene Besucher.
Im heutigen Rückblick, Jahre später, muss ich uns eingestehen, dass wir aufgrund nur empirischer Fähigkeiten und Kenntnisse über die Planung und Begleitung entwicklungspolitischer Projekte Fehler gemacht haben, die bis in die heutige Zeit reichen.
Ich hoffe, keinem geschadet zu haben.

Nach der erfolgreichen Ausführung unserer nunmehr recht zahl- und umfangreichen sozialen und ökologischen Projekte bedurfte es eines neutralen, in der Partnerstadt verankerten und mit den dortigen Verhältnissen vertrauten Partners, besser einer Partner-organisation. Zur Einhaltung eines guten entwicklungspolitischen Standards verbietet es sich, mit den lokalen Empfängern von Spenden und Fördermitteln, so vertrauenswürdig und erfahren sie auch sein mögen, direkt zusammenzuarbeiten. Für die Umsetzung eines Vorhabens von der Planung über die Ausführung und den Transfer der Gelder bis zur Abrechnung und der Übersendung der Berichte suchten wir also einen nicaraguanischen Verein als Gegenüber.
Nachdem wir über Jahre mit einem in Nicaragua lebenden Deutschen kooperiert und ihn mit diesen Aufgaben betraut hatten, zeigten sich zunehmend Risse in unserem Verhältnis, befeuert durch unterschiedliche Ansichten. Der entscheidende Anlass für die Trennung von ihm war die Ablehnung eines Projektantrages (Frauenrechtsprojekt) durch eine Stiftung mit der Begründung, dass es in San Marcos keinen für die Umsetzung verantwortlichen Verein gibt.
Daraufhin baten wir uns bekannte, sozial aktive Sanmarqueños dringend, die Gründung einer solchen Organisation voranzutreiben. Wir kannten uns teilweise seit Jahren und hatten in Projekten zusammengearbeitet. Sie machten auf uns den Eindruck kompetenter, loyaler Bürger – und dieser Eindruck wurde nie enttäuscht!
Folgerichtig gründeten Violeta, Mercedes, Sarah, Henry, Roberto, Ernesto und andere die Nichtregierungsorganisation APRODIM, den „Verein zur Integralen Entwicklung der Gemeinden“, der schließlich im Mai des Jahres 2000 von der Nationalversammlung anerkannt wurde.
Bis heute arbeiten beide Vereine vertrauensvoll und (meist) erfolgreich zusammen; über die Jahre sind wir Freunde geworden – für mich persönlich einer der schönsten Aspekte dieser Städtepartnerschaft.
https://www.aprodim.org/

03. 06. 1999: Das Wandbild „Rituales de Quetzalcoatl“ ist fertig und wird übergeben.

UEBER Hist 1999 06 03 aAls eine Aktivität des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2000, das damals u. a. in Weimar gefeiert wurde, und Dank einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit Stephan Schack, dem damaligen Leiter der Europäischen Jugendbildungsstätte Weimar, wurde die Fassade des Eine-Welt-Hauses kunstvoll verschönert.
Diese Finanzierung durch die EU machte es uns möglich, Robert Barberena de la Rocha aus Masaya/ Nicaragua nach Jena zu holen. Er hatte schonUEBER Hist 1999 06 03 b reichliche Erfahrungen mit der Gestaltung von Wandbildern und schickte uns einen Entwurf, der uns sofort begeisterte.
Innerhalb von drei Wochen, nur zeit-weise gestoppt durch Regenfälle und einen Kälteeinbruch, bemalte er die Außen-wände des Gebäudes Unterm Markt 13. Das Wandbild zeigt Elemente der präkolumbianischen Traditionen der Ureinwohner Mittelamerikas. Im Zentrum des Bildes steht die indianische Gottheit Quetzalcoatl.
Robert arbeitete nicht allein und im Stillen. Zeitweise wurden Schüler der Walddorfschule in die Ar-beiten einbezogen; er stand für Führungen und Fragen der interessierten Öffentlichkeit Jenas zur Verfügung.
Möglich wurde dieses Kunstwerk auch durch eine freundliche Genehmigung und die Unterstützung durch die Stadt Jena als Eigentümerin des Gebäudes.
Dieses gut sichtbare Zeichen der Städtepartnerschaft mit San Marcos bereichert den öffentlichen Raum von Jena.

Das Wandbild in der Lokalpresse hier und hier.UEBER Hist 1999 06 03 c

26. 07. 1999: Das Eine-Welt-Haus hat eine Internetseite

UEBER Hist 1999 07 26

März 2000: Das Eine-Welt-Haus bekommt Zuwachs

Wir nehmen eine Gruppe auf, die Projekte in Togo und Mosambik unterstützt.
Dieren Aktivitäten erweitern nicht nur das Spek-trum unserer internationalen Entwicklungszu-sammenarbeit, sondern bedeuten einen großen Gewinn für uns: Mit Dr. Dorothea Appenroth, die alle Projekte in Mosambik und Togo initiiert hat, haben wir ein weiteres sehr aktives und enga-giertes Vereinsmitglied. Sie steigt bald in den Vorstand auf und ist bis auf den heutigen Tag unverzichtbar für unser Finanzwesen wie auch für den Zusammenhalt in unserer Organisation.
Durch ihre Kenntnis der Projekte in Afrika wird unser Blick geweitet, sie macht uns aufmerksam auf die Mentalitäten, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, die nicht immer mit denen in Lateinamerika vergleichbar sind. Wir können gemeinsam die Finanzierung größerer Baumaß-nahmen sicherstellen.
Und ich persönlich freue mich, mit Dorothea sowohl eine liebe Freundin als auch eine Quelle allzeit konstruktiver Kritik gewonnen zu haben.

 

 

 

 

14. 11. 2000: Wir unterstützen ein Projekt in Kotovsk/Ukraine

Diese Zusammenarbeit wird uns von der Gruppe „Teilen mit der Ukraine“ aus Südthüringen vorgeschlagen. Deren Mitglieder haben persönliche Beziehungen zu einemUEBER Hist 2000 11 14 Landwirt, der in die Ukraine ausgewandert ist. Dort hat er einen kleinen Agrarbetrieb übernommen. Um die Felder zu bewirtschaften, kooperiert er mit einem Waisenheim: Interessierte Jugendliche erhalten bei ihm eine Ausbildung und arbeiten in seinem Betrieb mit.
Mit einem Teil der Ernte werden Alte und Alleinstehende im benachbarten Dorf unterstützt.
Die Zusammenarbeit mit diesem Projekt in der Ukraine können wir über einige Jahre aufrecht erhalten und entsenden auch eine Freiwillige nach Kotovsk.

20. 12. 2000: Wir vermitteln unsere erste Ausbildungspatenschaft

UEBER Hist 2000 12 20 aaEs war damals nicht geplant, dass das an diesem Tag begonnene Patenschaftsprogramm die langlebigste Aktivität der Städtepartnerschaft werden sollte. Noch weniger hatte ich vor, dass heute bereits mehrere hundert Kinder und Jugendliche dank der Unterstützung durch ihre Pateneltern die Schule und eine Berufsausbildung beenden konnten.
Was war geschehen? Ich kam gerade aus Nicaragua zurück. Dort hatte ich durch Roberto Fernandez, den Biologielehrer der damals einzigen Oberschule von San Marcos, die Schülerin Damaris kennengelernt. Sie lebte mit ihrer Familie in einem Außenbezirk unserer Partnerstadt. Infolge eines Arbeitsunfalls konnte ihr Vater zeitweise nicht arbeiten; die Familie hatte keine finanziellen Einkünfte und das Mädchen konnte die Fahrten mit dem Schulbus nicht bezahlen. Das hätte das Ende ihrer Ausbildung bedeutet.

Nachdem ich dieses Problem in einem Artikel in der TLZ geschildert hatte, gab es viele positive Reaktionen und Rückmeldungen. Ein Jenaer Notar, der uns seitdem unterstützt (und nicht namentlich genannt werden möchte) erklärte sich sofort bereit, eine Patenschaft für Damaris zu übernehmen. So war nicht nur ihre Schul- und später die Berufsausbildung gesichert, sondern so begann unser Stipendienprogramm: Da sich nach und nach mehrere Menschen bei uns meldeten, die Patenschaften übernehmen wollten, konnten wir weitere Schüler begünstigen, die in ähnlichen Situationen lebten.
Wenig später waren es bereits 40, bald 50 Patenkinder. Die Beziehungen zwischen den Spendern und den Kindern sowie ihren Familien mussten betreut und Verträge geschrieben werden. Und da es nicht nur um eine finanzielle Hilfe, sondern um eine umfassende Betreuung der Patenkinder ging und geht, stellte unser Partnerverein APRODIM eine Sozialarbeiterin ein.
Heute, 25 Jahre später, haben wir viele treue und engagierte Pateneltern. Einige haben über diese Zeit bereits mehrere Patenkinder gefördert oder unterstützen einige Schüler gleichzeitig. Dadurch sind Freundschaften entstanden, die Pateneltern nehmen am Leben der nicaraguanischen Schüler und Studenten wie an dem ihrer eigenen Kinder teil.
So ist dieses Programm eine wunderbare Möglichkeit, Menschen auf beiden Seiten des Ozeans zusammenzubringen und das gegenseitige Lernen, Kennenlernen zu fördern.                             UEBER Hist 2000 12 20 b

Januar 2002: Norman Gerhardt, unser erster Freiwilliger, reist nach Nicaragua aus.

Er war der erste von vielen Freiwilligen, die nach ihm kamen: Norman aus Jena-Neulobeda trat im Jahr 2001 mit dem Wunsch an uns heran, für ein Jahr nach San Marcos zu gehen und dort zu arbeiten.
Er hatte jahrelang für diesen Auslandseinsatz gespart, Spanisch gelernt, sich über Land und Leute informiert. Von Seiten unseres Vereins erfuhr er kaum Vorbereitung – außer, dass ich ihm ein Reisebüro zum Buchen des Fluges und das Land-wirtschaftsprojekt als Einsatzort empfahl. Anders ist es heute, da Bewerber für ein Freiwilligenjahr auf ihre Eignung geprüft werden, ein Praktikum im Verein machen sollen und zur Tätigkeit im Zielprojekt befähigt werden.
Norman wohnte 12 Monate lang in der ärmsten Region von San Marcos, wurde dort in eine Kleinbauernfamilie aufgenommen und erlebte alle Höhen und Tiefen des nicara-guanischen Alltags. Er arbeitete auf dem Feld von der Aussaat bis zur Ernte, begleitete ein Solarprojekt und trug zum Erfolg des Landwirtschaftsprojektes bei.
Dass wir, Norman und die beiden betreuenden Vereine, trotz fehlender Vorbereitung nicht viel falsch gemacht haben, zeigte sich darin: Einen Bericht über seinen Aus-landseinsatz begann mit den Worten: „Das bisher beste Jahr in meinem Leben.“
Für mich war es eine große Bereicherung und Freude, einen jungen Deutschen in Nicaragua reifen und sich entwickeln zu sehen. Da er sich gut vorbereitet hatte, kam er ohne „Flausen im Kopf“ in San Marcos an. Das einfache Leben auf dem Land, die in vielem andere Kultur und die tägliche schwere Arbeit waren dennoch und sicherlich eine Herausforderung für ihn.
Norman hat das alles wunderbar gemeistert. Er hat sich nahtlos an die dortigen Verhältnisse angepasst und folglich gab es nie ein Problem. Die Erfahrungen in der Trockenzone waren sowohl für seine persönliche Zukunft als auch für seinen Berufs-weg entscheidend. Er kam als anderer Mensch und glücklich nach Jena zurück.
Dennoch machte ich während der Begleitung dieses ersten Freiwilligen aus Jena aus eine dann doch deprimierende Erfahrung:
Ich bin der Meinung, dass der Austausch von Informationen aus allen Jenaer Partner-städten wie auch die kritische Begleitung dieser internationalen Beziehungen Aufgaben der lokalen Presse sind. Warum gibt es dort nicht regelmäßige Kolumnen und Artikel über diese Partnerschaften?
Mit dieser Idealvorstellung im Hinterkopf konnte ich  mit der TLZ und der OTZ vereinbaren, dass Norman einmal im Monat über sein Leben in Lateinamerika berichtet. Er schickte uns informative Schilderungen und Fotos, die anfangs in beiden Blättern abgedruckt wurden.
Eine Zeitung reagierte ohne für mich ersichtlichen Grund nicht mehr auf meine E-Mails. Hatte ich etwas falsch gemacht? Kamen Nachrichten nicht an? Ein Telefongespräch mit der verantwortlichen Redakteurin brachte mir Aufklärung und große Verwunderung: Ich erfuhr, diese Berichte über den Alltag, Familienfeste usw. seien doch ganz nett, aber wenig spektakulär seien. Norman solle sich wieder melden, wenn er über etwas Besonderes wie ein Erdbeben, einen Vulkanausbruch oder vielleicht auch über einen Volksaufstand berichten könne.
Sehr zum Glück für Norman und unseren Verein musste er nie einen solch dramatischen Bericht schreiben.

06. 03. 2009: Die Liberia-AG im Eine-Welt-Haus wird gegründet und beginnt ein Projekt in Monrovia.

 

                  Beschreibung des Projektes

April 2009: In San Marcos geht das Radio Solidaridad auf Sendung.

Möchte jemand tägliche Nachrichten aus Jenas nicaraguanischer Partnerstadt San Marcos hören? Ja, das ist möglich, denn seit dem Jahr 2009 gibt es dort einen kommunalen Radiosender.
Diesen hört man auf der Frequenz UKW 104,5 und im Internet: https://radionicaragua.net/emisora/radio-solidaridad

Viele Einwohner von San Marcos und auch Dr. Roberto Vásquez, der Direktor unse-res Partnervereins APRODIM, wünschten sich seit längerem eine kommunale Informa-tionsquelle für ihre Stadt. In einem Land, in dem Zeitungen kaum mehr eine Bedeu-tung haben, sind Medien wie Fernsehen und Radio - heute auch das Internet - umso wichtiger.
Die Nicaragua zahlen keinen Rundfunkbeitrag. Dementsprechend muss Radio Soldaridad Sendezeiten verkaufen: an Parteien und politische Akteure, an Kirchen und Sportvereine, für Werbung. Mit diesen Einnahmen werden die laufenden Kosten und die Gehälter der Mitarbeiter abgedeckt.
Dennoch sind die Mikrofone für alle Bürger offen: man kann telefonisch Fragen und Kommentare an die Journalisten richten, kurze Sendezeiten werden jedem Einwohner und sozialen Einrichtungen kostenlos angeboten. So erfüllt Radio Solidaridad einen Bildungsauftrag zu Themen wie Umweltschutz, Gesundheitsvorsorge, soziale Beziehungen...
Erster Leiter des Senders war Marcos Tulio Navarro Garcia.

 

Mai 2009: Auf Initiative unseres Oberbürgermeisters Dr. Albrecht Schröter beginnen wir ein Patenschaftsprojekt für zwei palästinensische Studentinnen.

UEBER Hist Mai2009 a

Die beiden jungen Frauen, Vida und Reema, stammen aus der palästinensischen Stadt Beit Jala. Unser damaliger Ober-bürgermeister Dr. A. Schröter hatte die Region mehrmals besucht und dort die Abrahams Herberge kennengelernt. So kam er in Kontakt mit Pfarrern aus diesem Ort. Von ihnen wurde er gebeten, zwei junge Frauen, die damals in Würzburg Medizin studierten, finanziell zu unterstützen.

Nach kurzer Zeit konnte das Eine-Welt-Haus durch einen Spendenaufruf zahlreiche Unterstützer gewinnen. Sie machten es möglich, den beiden Studentinnen ein Stipendium zu zahlen.

Mai 2010: Wir beginnen das Projekt „Kinderberg“ in Rumänien.

Wir bieten ein weiteres Mal unsere Infrastruktur und unsere Erfahrungen anderen Menschen an, die ein Projekt umsetzen, aktiv werden oder sich selbst verwirklichen wollen.
Eine Gruppe von Jenensern kennt aus eigener An-schauung die Lebensverhältnisse der Volksgruppe der Ruthenen in der ländlichen, abgelegenen Region Maramureș in Rumänien. Um insbesondere Kinder und Jugendliche bei ihrer Ausbildung und Freizeitgestaltung zu unterstützen, wird das Projekt „Kinderberg“ begonnen. Lokaler Projektpartner ist eine in Rumänien lebende deutsche Familie.
Das Projekt wird unsererseits im August 2015 beendet.

September 2012: Unser Städtepartnerschaftskaffe „San Jena“ kommt auf den Markt.

Es war ein leicht und schnell erreichtes Ergebnis: Mit finanzieller Förderung durch die Stiftung Nord-Süd-Brücken konnten wir Werbung für den Kaffee machen, Verkaufsstellen in Jena gewinnen und so bald ein weiteres Aushängeschild der Städtepartnerschaft mit San Marcos vorweisen.
Der Kaffee wird von der Genossenschaft "el chavalo" Leipzig importiert. Von Beginn an konnten wir bei diesem Vorhaben auf den Sachverstand, das Netzwerk und die Unterstützung von Jens Klein, deren Gründer, zurückgreifen. Bis auf den heutigen Tag bin ich beeindruckt von seiner Offenheit und seinem Engagement.
Die Genossenschaft fördert mit einem Teil ihres Gewinns Bildungsprojekte in unserer nicaraguanischen Partnerstadt.

20. 01. 2015: Im Eine-Welt-Haus gründet sich die Gruppe "Nahost".

Mehr als 25 Bürger der Stadt Jena waren der Einladung von OB Dr. Albrecht Schröter gefolgt und diskutierten, wie durch einen Freundeskreis Städtepartnerschaften in Israel und Palästina begleitet und unterstützt werden können.
Seit September 2011 gibt es einen Städtepartnerschaftsvertrag zwischen Jena und der palästinensischen Stadt Beit Jala. Für die zweite Jahreshälfte 2015 wurde eine weitere Vereinbarung mit der nordisraelischen Gemeinde Gilboa angestrebt. Zwischen Jena und Beit Jala hat sich in den letzten Jahren viel getan: Außer den Gesprächen auf der Ebene der Stadtverwaltungen gibt es Begegnungen zwischen Bürgern beider Städte sowie Sport- und Kulturprojekte in Beit Jala, die Jena fördert. Unser Freundeskreis hat sich zum Ziel gesetzt, aktuelle Informationen zur Region auszutauschen, sich über den Stand von Projekten zu informieren und für das Verständnis der komplizierten Situation in Israel/Palästina durch bürgerschaftliches Engagement einzutreten.
Jörg Auweiler

08. 06. 2015: Der Jenaer Eine-Welt-Laden wird geschlossen.

UEBER Hist 2015 06 08 aLange lief das Geschäft gut und wir konnten mit Fairen Handel Kleinbauern und Handwerker im Globalen Süden zu einem würdevollen Einkommen verhelfen. Der Laden war das Gesicht des Vereins, seine Gewinne deckten unsere Fixkosten wie Miete und Strom ab.
Der Laden und der Verein waren über viele Jahre zwei sich gegenseitig unterstützende Organisationen. Durch den Fairen Handel konnten wir den Jenensern die Möglichkeit geben, mit einfachen, täglich anzuwendenden Aktionen wie dem Kauf von Lebensmitteln und Geschen-ken zum Abbau weltweiter Ungerechtigkeiten beizutragen. Auch war der Eine-Welt-Laden ein zentral gelegener Ort für alle, die sich informieren oder selbst aktiv werden wollten.
Der Umsatz ging in den Jahren 2014 und 2015 jedoch drastisch zurück; eine Wende war nach unserer Einschätzung nicht in Sicht. Dafür gab es verschiedene Gründe: Viele fair gehandelte Produkte sind inzwischen in Supermärkten oder online erhältlich, so dass ein Allein-stellungsmerkmal der Weltläden wegfiel; nur noch wenige Kunden fanden wegen eines Päckchens Kaffee den Weg zu uns.
Hinzu kamen Baumaßnahmen in unserer Nachbarschaft, wodurch die Erreichbarkeit der Verkaufsräume zeitweise eingeschränkt bis unmöglich war. Und schließlich führten auch individuelle Unzulänglichkeiten dazu, dass wir das Kapitel „Eine-Welt-Laden Jena“ aus wirtschaftlichen Gründen schweren Herzens beenden mussten.
Es gibt jedoch kaum Schlechtes, aus dem man nicht etwas Gutes gewinnen kann: Der leerstehende Laden wurde bald zum WeltRaum, der ein wichtiger Anlauf- und Treffpunkt für Geflüchtete und entwicklungspolitische Aktivitäten ist.

01. 12. 2015: Die Arbeitsgruppe WeltRaum wird gegründet und tritt dem Eine-Welt-Haus bei.

Wo bisher der Eine-Welt-Laden war, ist nun der WeltRaum zu finden.
Es ist ein eigentlich trauriger Anlass: seit Monaten gibt es Krieg in Syrien, der Fluchtbewegungen nach sich zieht. Auch in Jena kommen Familien und Gruppen Geflüchteter an.
Wie nicht anders zu erwarten, ist die Hilfsbereitschaft in Jena groß: Spontan bilden sich Unterstützerkreise, die u. a. die materielle Versorgung der Angekommenen sicherstellen. Da klar ist, dass das nicht ausreichen wird, werden Rechtsberatung, medizinische Betreuung und Sprachkurse organisiert. In den darauffolgenden Monaten zeichnet sich ab, dass die Kämpfe in Syrien anhalten werden und also die Ursache dafür sind, dass viel mehr Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Ihre Betreuung muss institutionalisiert und professionalisiert werden.
In der Flüchtlingsbetreuung Aktive treten an das Eine-Welt-Haus mit der Bitte heran, die ehemaligen Ladenräume nutzen zu können. So kommt es dazu, dass der Verein sein Spektrum erweitert: im Erdgeschoss werden seitdem Geflüchtete vieler Nationalitäten betreut, aufgefangen, weitergebildet.
Für uns, die schon länger im Verein Aktiven, ist das Anlass, unseren Blick zu weiten: jahrelang waren wir auf unsere Auslandsprojekte fixiert, auf Länder, aus denen regelmäßig Menschen auswandern. Die Bedingungen der Flucht, ihr mitunter erschwertes Ankommen im Gastland, ihre Hoffnung auf Rückkehr hatten wir bisher kaum im Blick.
Trotz dieses ernsten und traurigen Hintergrundes ist es erwähnenswert, dass unser Verein durch diese neue Arbeits-gruppe gewachsen ist und unverzichtbare Mitglieder gewonnen hat. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist für mich bis heute ebenso bereichernd wie das Kennenlernen von Syrern wie Ibrahim, der die Beratung im WeltRaum leistet.

01. 12. 2020: Die Gruppe „Historiker für ein weltoffenes Thüringen“ tritt dem Eine-Welt-Haus bei.


Dieser Arbeitskreis unseres Vereins, inzwischen zeitgeistgerecht „Historiker:innen für ein weltoffenes Thüringen gegendert und geheißen, ist ein Zusammenschluss von damals im hiesigen Bundesland, inzwischen deutschlandweit tätigen Akademikern und historisch interessierten Menschen. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, rechts-nationale, undemokratische Bewegungen der jüngeren deutschen Vergangenheit zu gegenwärtigen Tendenzen in unserer Region in Beziehung zu setzen. Um dies zu erreichen, bieten sie Vorträge und Publikationen an.

04. 04. 2022: Das Klimanotstandszentrum Jena tritt dem Eine-Welt-Haus bei.

Die ökologische und insbesondere die Klimakrise sind zum größten Problem für eine lebenswerte Welt für alle Menschen auf diesem Planeten geworden. Sie sind allgegenwärtig und erfordernUEBER Hist 2022 04 04 a umgehend konsequentes Handeln hin zu einer ökologisch stabilen, klimaneutralen und klimagerechten Welt. Ein notwendiger Wandel hin zu einer nachhaltigen Lebensweise kann nicht nur von der Politik erwartet und umgesetzt werden, sondern erfordert eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung und Transformation. Auch eine Stadt wie Jena muss sich als Teil des Ganzen verstehen und ihren Beitrag leisten. In Anlehnung an die britische Idee des Climate Emergency Centersist die Vision entstanden, in Jena ein Klimanotstands-Zentrum zu schaffen.
Das Zentrum soll umfassende Aufklärung zum Thema Klimagerechtigkeit bieten, Bürger*innenbeteiligung ermög-lichen und stärken sowie eine notwendige gesellschaftliche Transformation begleiten.
Dr. Annette Schlemm

 

07. 06. 2022: Wir gewinnen einen neuen internationalen Partner: den argentinischen Verein SonRisas.

Diesen Zuwachs verdanken wir Lucila Martínez, einer in Jena lebenden und arbeiten-den Spanischlehrerin. Sie hat über verschlungene Wege den sozialen Verein SonRisas in ihrer Heimatstadt Buenos Aires kennen und schätzen gelernt. Dieser Anerkennung der Leistungen von Martín Ferreira und seinen Mitarbeitern kann, nein muss ich mich bald anschließen: in einem unvorstellbar widrigen Umfeld, in einem Land mit stetig zunehmenden sozialen und wirtschaftlichen Problemen, widmen sie sich der Aus- und Weiterbildung von Kindern und Jugendlichen, verschaffen ihnen Arbeitsplätze und organisieren Freizeitaktivitäten.
Der Beginn der Zusammenarbeit mit SonRisas ist ein Projekt zur psychosozialen Betreuung von gefährdeten Jugendlichen, das wir mit einer Förderung durch die Stiftung Nord-Süd-Brücken und private Spenden sicherstellen konnten.

 

Hier endet mein persönlicher Rückblick auf die Geschichte von Solidaritätsgruppen und Vereinen in Jena. Rückblicke auf die jüngere Historie finden Sie weiter unten auf dieser Seite.
Berichte über unsere aktuellen Aktivitäten finden Sie auch auf Facebook und Instagram.

Es bleibt mir nur, Euch allen zu danken. Für die gemeinsame Zeit, für Erfolge und Diskussionen, für unvergessliche Erlebnisse, für gegen-seitiges Lernen, für Alles. Ich danke Euch, von A wie Albrecht bis Y wie Yilber, von B wie Berger bis V wie Vásquez.

Vermutlich ist noch nicht alles gesagt und erzählt. Einiges wird bei mir und bei Euch in der Erinnerung noch auftauchen…